soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Ralf Dahrendorf (1929-2009)

Der Sohn des sozial-demokratischen Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf wurde am 1. Mai 1929 in Hamburg geboren, studierte zunächst Philosophie und Altphilologie, bevor er ein sozialwissenschaftliches Postgraduiertenstudium an der London School of Economics (LSE) absolvierte, sich 1957 in Saarbrücken habilitierte und 1958 auf die Soziologieprofessur an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg berufen wurde.

Danach folgten Rufe nach Tübingen und Konstanz, eine Phase der aktiven Politik als Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, Bundestagsabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt und schließlich als EG-Kommissar in Brüssel, bevor er als Director der LSE und als Warden des St. Anthony College in Oxford wieder in die Wissenschaft zurückkehrte. 1993 wurde er zum Lord ernannt und Mitglied des britischen Oberhauses. Schon zu Lebzeiten wurde er zum Klassiker der Soziologie.

Nach Dahrendorf weist die Gesellschaft stets ein Doppelgesicht auf, das Statik und Dynamik, Integration und Konflikt miteinander verbindet. Beide Seiten seien aber keinesfalls für sich allein verständliche, geschlossene Strukturen, sondern „zwei gleich gültige Aspekte jeder denkbaren Gesellschaft, dialektisch aneinander gekettet“. Ihm geht es daher um eine Erweiterung, ja um eine Überwindung der strukturfunktionalen Theorie, denn ihr Allgemeinheitsanspruch, wie er vor allem in den 1950er und 1960er Jahren formuliert wurde, überdeckte die immanente Erklärbarkeit von sozialem Wandel und Konflikt.

Für ihn entspringen  Konflikt, sozialer Wandel und gesellschaftliche Dynamik aus Herrschaftsverhältnissen, denn das „Grundphänomen des sozialen Konfliktes“ sei nicht allein in fest gefügten sozialen Strukturen angelegt, „sondern vor allem in ‚normalen‘ Elementen der Sozialstruktur, d.h. in Verhältnissen, die sich in jeder Gesellschaft zu jeder Zeit finden“. Zu diesem Zwecke erhebt er neben den Kategorien der Norm und Sanktion die der Herrschaft zu einem Grundbegriff der Soziologie, den er im Anschluss an Weber als „Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“, definiert. Im Gegensatz zur Macht ist Herrschaft nach Dahrendorf nicht nur legitimiert, sondern auch an Positionen und nicht an individuelle Persönlichkeiten gebunden. Er betont nicht nur den Zusammenhang von legitimer Herrschaft und gewissen Positionen oder Rollen, sondern auch, dass es in der Gesellschaft Positionen gebe, die mit der Erwartung und Verpflichtung verbunden seien, Herrschaft auszuüben. Solche Positionen sind typisch für „Herrschaftsverbände“, d.h. „organisierte Bereiche von Institutionen mit intendiertem Dauercharakter“, wie sie im Staat als politisch organisierte Gesellschaft, aber auch in wirtschaftlichen und kulturellen Organisationen (z.B. Unternehmen, Schulen, Kirchen) über ähnliche Mechanismen des Gehorsamszwangs vorkommen.

Charakteristisch für Herrschaft ist ihr Doppelcharakter: Sie ist einerseits ein Zwangsmittel der gesellschaftlichen Integration, eine Sanktionsinstanz, der zunächst normsichernde Funktion zukommt. Deshalb sind Norm und Herrschaft ähnlich zu verstehen wie der Gesellschaftsvertrag, der den Herrschaftsvertrag stets nach sich zieht.
Dahrendorf weist der Herrschaft andererseits auch konfliktträchtige Funktionen zu, da dieselbe Autoritätsstruktur zwar Integration garantieren, aber auch Ausgangspunkt von Gegensätzen und Konflikten werden könne. Neben die normerhaltende Funktion von Herrschaft tritt somit ihre normsetzende Eigenschaft. Da die Legitimität der Autorität immer prekär ist, besteht in Organisationen als Herrschaftsverbänden zumindest ständig ein latenter Interessenkonflikt. Werden sich die Akteure ihrer latenten Interessen, die ja nichts anderes sind als unbewusste Rollenerwartungen, bewusst, treten sie als manifeste Interessen in Erscheinung.

Bereits in den sechziger Jahren machte er die Forderung „Bildung als Bürgerrecht“ zum Thema und wurde in der Bundesrepublik zu einem der geistigen Väter der späteren sozial-liberalen Koalition. Damals wie später ging es ihm um das Gebot der Freiheit, grundsätzlich allen Menschen die Anrechte und Angebote zu verschaffen, d.h. die Lebenschancen der Erfolgreichen auf möglichst Viele auszuweiten. Auf dieser Grundlage hat er neue Fragen nach den inhaltlichen Kriterien für den Fortschritt und nach den Bedingungen für die Freiheit in der modernen Gesellschaft aufgeworfen.

In einem seiner letzten Essays äussert Dahrendorf sich  über die Auswirkungen des konsumorientierten „Pumpkapitalismus“, in dem jeder Realbezug verloren gehe, weil die Mode der Deregulierung zu weit getrieben werde. In dieser Welt des Konsums zerstöre das Wirtschaftssystem seine eigenen Mentalitätsvoraussetzungen. Wenn der Schritt vom Realen zum Virtuellen, von der Wertschöpfung zum Derivathandel getan werde, also der Genuss vor dem Bezahlen komme, dann werde nicht nur die Kurzatmigkeit des postmodernen Handelns deutlich. Dann werde auch klar, dass Regeln „nicht aus dem herrschaftsfreien Diskurs aller Betroffenen“ entstünden, sondern nach einer „Garantiemacht“ verlangten, „die Sanktionsmechanismen stützt“.

(Auszug aus soziologie heute, Juni 2010: „Ralf Dahrendorf – Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik“ von H. Strasser/G. Nollmann)

Advertisements