soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Ludwig Wittgenstein (1889-1951)

Geboren wurde Ludwig Wittgenstein 1889 in eine österreichische Familie voll von unternehmerischen Pioniergeists und künstlerischer Sensibilität. Nach Besuch der Linzer Realschule studierte er Maschinenbau in Berlin. Sein angewachsenes Interesse an mathematischen Fragestellungen brachten ihn dazu, bei Bertrand Russel in Cambridge weiterzustudieren. Das durch den Tod des Vaters 1913 ihm zugefallene Erbe spendete er zum guten Teil mittellosen Künstlern. Auf den Rest verzichtete er zugunsten seiner Geschwister. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst. Vor allem in den Urlauben und dann in italienischer Kriegsgefangenschaft arbeitete er fieberhaft an seinem ersten Hauptwerk, dem Tractatus Logico – Philosophicus. Weil er damit alles gesagt zu haben meinte, was zu sagen war, wurde er nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft Volksschullehrer in Niederösterreich. Eine unglückliche Ohrfeigenaffäre bewegte ihn 1926 zur Quittierung des Schuldienstes. Nun verdingte er sich eine Zeit lang als Gärtner und engagierte sich zunehmend beim Bau eines Hauses für seine Schwester Grete.

Kontakte mit Vertretern des „Wiener Kreises“ weckten erneut Wittgensteins Interesse für Philosophie. 1929 wollte er lediglich Urlaub in Cambridge machen, doch blieb er länger und nahm seine philosophische Tätigkeit wieder auf. Im selben Jahr promovierte er zum Doktor der Philosophie und wurde Fellow am Trinity College, wo er auch seine Vorlesungen hielt. Vom entscheidenden Wandel, der sich während dieser Jahre im Denken Wittgensteins ereignete, zeugen das Blaue Buch, das Braune Buch, andere kleinere Arbeiten und schließlich die Philosophischen Untersuchungen, deren Erscheinen er allerdings nicht mehr erlebte – er starb 1951.

Von besonderem Interesse – und im Folgenden vorwiegend betrachtet – ist der Übergang vom Tractatus zu Wittgensteins späterer Philosophie. Dabei soll allerdings die Frage, ob dieser Übergang dermaßen tiefgreifend war, dass man zurecht von „Wittgenstein 1″ und „Wittgenstein 2″ sprechen muss, unentschieden bleiben.

In seinen Aufzeichnungen lässt Wittgenstein erkennen, dass er ab 1929 unter dem Eindruck seiner Arbeit mit Räumen und Objekten auch philosophisch zu einem gegenstandsbezogenen Umgang mit den Dingen geführt wurde. Immer mehr widmete er sich nun der alltäglichen Praxis, dem physischen Raum des Handelns und dem Ich in dieser Welt. Und auch in Cambridge widmet er sich nun vor allem der menschlichen Handlungspraxis, dem Körper und der Kontextualisierung des Handelns in praktischen Lebenssituationen. Welt und Körper erkennt er von der Ordnung der gegebenen Praxis vorstrukturiert.

Wittgensteins Sprachdenken dreht sich nun um die soziale Praxis, die dem Körper des Sprechers eine an die Umgangssprache angepasste, geregelte Form gibt. Der Sprecher übernimmt mit seinen Handlungen die immanente Ordnung der Welt und stellt eine Übereinstimmung mit den an der gemeinsamen Praxis der beteiligten Personen her. Als Paradigma für den Sprachgebrauch wählt er das Spiel. Der Gebrauch der Sprache wird als Fähigkeit, sich in den unterschiedlichsten Situationen eines Spiels zurechtzufinden und auf diese adäquat zu antworten, verstanden.

Von den primitiven Sprachspielen geht Wittgenstein in den folgenden Jahren zu komplexeren Formen über, die mit Hilfe von „Paradigmen“ funktionieren, wie die Sprachspiele der Farbbezeichnungen. Auch bei diesen komplizierteren Formen bleiben die Sprachgebräuche an die praktischen Fähigkeiten des Körpers gebunden. Das Befolgen von Regeln versteht Wittgenstein als „Technik“, es wird wie ein Handlungskönnen beherrscht und vor dem Hintergrund eines praktischen Wissens eingesetzt.

Die menschliche Lebenspraxis ist eine Art des In-der-Welt-Seins mit zwei Seiten: einerseits ist der Mensch in der geregelten Welt enthalten, anderseits ist auch die Welt im handelnden Menschen enthalten, insofern er eine spezifische Lebensform besitzt. Mit der Lebensform übernehmen die Menschen ein Netz von Gewissheiten, an die sie durch den Glauben an die von der Lebensform gegebene „Mythologie“ gebunden sind.

Schon in der Zeit nach dem Tractatus geht es Wittgenstein nicht in erster Linie um Welterkenntnis, sondern um das Selbstverhältnis des Subjekts. Gegen Ende seines Lebens treibt ihn vor allem die Frage um, wie es möglich ist, über das Innere eines anderen Menschen und über das eigene Innere zu sprechen. Die direkte Erkenntnis innerer Ereignisse schließt er eigentlich immer schon aus. Nun zeigt er, wie „primitive Reaktionen“ in Sprachspiele eingeführt werden. Dabei konzentriert er sich als grundlegenden Mechanismus vor allem auf das Aspektsehen, also dem „Sehen als“. Dieses Konzept des Aspektsehens bildet das Zentrum seines Denkens über innere Vorgänge bei anderen Personen und bei ihm selbst. Mit dem Aspektsehen findet er einen Standpunkt zu sich selbst und zu seinen Lebensproblemen. Im „Aufleuchten des Aspekts“ hat das erkennende Subjekt ein „Erlebnis“ des Aspektwechsels, über den es allerdings nicht sprechen kann. Im Sehen erfährt der Mensch ein unaussprechliches Gefühl seiner eigenen Existenz.

***

Literatur:

Werkausgabe in 8 Bänden, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1984ff

Kampits, Peter, 1985: Ludwig Wittgenstein. Wege und Umwege zu seinem Denken, Graz/Wien/Köln: Styria

Gebauer, Gunter, 2009: Wittgensteins anthropologisches Denken, München: C.H.Beck

aus: soziologie heute, Okt. 2010, von Alfred Rammer
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