soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

FÜRSTENBERG, Friedrich

Friedrich Fürstenberg
Die Bürgergesellschaft im
Strukturwandel
Problemfelder und Entwicklungschancen
Reihe Soziologie: Forschung und Wissenschaft, Bd. 35
Lit-Verlag, Berlin 2011, 192 Seiten
Preis: Euro 19,90
ISBN 978-3-643-11142-5

Friedrich Fürstenberg hat in seinem neu erschienenen Buch Die Bürgergesellschaft im Strukturwandel. Problemfelder und Entwicklungschancen anhand sozialwissenschaftlicher Befunde zu einem Diskurs über Grundlagen, Problemfelder und Entwicklungschancen der Bürgergesellschaft eingeladen.

Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Nordafrika, Spanien, Griechenland, des vieldiskutierten Türkeibeitritts zur EU sowie des Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit 2011 ist dieses Buch nicht nur hochaktuell, sondern bietet den LeserInnen einen  breit angelegten Einblick in das Phänomen Bürgergesellschaft.

Technischer Fortschritt und die Fülle an Forschungsergebnissen sowie einerseits die damit verbundenen Chancen auf mehr Lebensqualität  und andererseits die Risiken der Beherrschbarkeit dieser Veränderungen lassen das Interesse an Zukunftsentwürfen für eine humane, demokratische Gesellschaftsordnung anwachsen. Das Leitbild „Bürgergesellschaft“ bietet hier weitgehende Orientierungsfunktion. „Sie charakterisiert eine Lebensform, die auf der Grundlage unveräußerlicher Grundrechte von eigenverantwortlich und solidarisch handelnden, am öffentlichen Leben aktiv teilnehmenden Personen und Gruppen mitgestaltet wird.“ (S. 8f)

Mit wachsendem Wohlstandsniveau und geänderten Lebensgewohnheiten hat sich ein Privatisierungs- und Individualisierungstrend eingestellt, der entsprechende Auswirkungen auf  die Entwicklung in freiwilligen Vereinigungen hat. Fürstenberg umschreibt die vorherrschende Haltung mit „Interesse ohne Engagement“, womit eine „verpflichtende Bindungsbereitschaft erst geschaffen werden muss, z. B. über den Aufbau personaler Bekanntschaftsnetze.“ (S.37)  Die Zukunft freiwilliger Vereinigungen sieht der Autor in „der solidarischen Verbundenheit mit den Mitmenschen jenseits aller Modetrends“. Nicht Kampagnen oder konsumfixierte Angebote, sondern die Vermittlung von Wertorientierungen sind entscheidend. (S.39)

Im zweiten Kapitel (Systemzwänge als moderne Formen sozialer Ungleichheit) geht Fürstenberg u. a. auf den besonderen Stellenwert der Verweigerungshaltungen – in Anlehnung an Robert K. Mertons Typologie abweichenden Verhaltens – ein und kommt zum Schluss, dass Verweigerung „sich nur unter bestimmten Voraussetzungen dazu eignet, die Verbesserung von Missständen einzuleiten.“ (62) Durch kritische Reflexion „unzuträglicher Systemszwänge“ und die Entwicklung kreativer Alternativen, also „in der Polarität von Verweigerung und Mitwirkung erhält die Freiheit, ‚nein‘ zu sagen, ihren kulturspezifischen Sinn.“ (S.63)

Kapitel III und IV widmet Fürstenberg den Gestaltungsspielräumen und den symbolischen Orientierungen und geht bei letzterem auf den Wertediskurs in der Bürgergesellschaft sowie die „Europäische Wertegemeinschaft“ näher ein.

In den „Ausblicken“ hinterfragt der Autor auch, ob angesichts der globalen Vernetzung Netzwerke geeignet sind, gesellschaftliche Entgrenzungsphänomene wieder zurückzunehmen, welchen Stabilitätsgrad Netzwerke erreichen können und ob ihr Machtpotenzial für nachhaltige Gestaltungseffekte ausreicht. Der vermeintlich tragenden Rolle von Netzwerken bei der „Vernetzung zu einer globalen Zivilgesellschaft“ erteilt Fürstenberg  eine vorläufige Absage. Seiner Meinung nach fehlen dzt. unerlässliche Grundlagen wie „die Einbindung globaler Netzwerke in einen demokratischen Prozess und eine umfassende Gestaltungsmacht der betroffenen Weltbürger im offenen politischen Diskurs.“ (S. 165).

Fürstenberg schließt sein Buch mit der Forderung nach einem neuen Bild vom Menschen, „der in innerer, kritischer Distanz an den Möglichkeiten dieses Zeitalters teilhaben kann und sie in einem persönlichen Lebensraum zur Selbstverwirklichung nutzt, hieraus aber auch die Kraft und Motivation zu solidarischer Mithilfe bei Gemeinschaftsleistungen schöpft.“ (S. 180)

Mehr als 30 Bücher und unzählige weitere Publikationen hat der emeritierte Professor für Soziologie der Universität Bonn geschrieben. Fürstenberg ist kein bloßer Theoretiker, sondern er verschrieb sich von Anfang an auch der empirischen Forschung. Dies zeigen seine vielen empirischen Forschungsprojekte, beispielsweise zur Soziallage der Chemiearbeiter, zur Anwendung des Betriebsverfassungsgesetzes im Hause Siemens, zum Robotereinsatz bei VW, zu Management-Strukturen in der japanischen Großindustrie, zu Transformationsprozessen in polnischen und bulgarischen Betrieben sowie zu Steuerung und Abstimmung von Bildung und Beschäftigung in Japan.

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