soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Harold Garfinkel (1917-2011)

Harold Garfinkel wurde am 29.10.1917 in Newark, New Jersey geboren und verstarb am 21.04.2011 in Pacific Palisades, Kalifornien 93-jährig. Garfinkel gilt als Begründer der Ethnomethodologie. Sein theoretisches Konzept zielt darauf ab, das in alltäglichen Situationen notwendige Hintergrundwissen seitens der Handelnden aufzuzeigen.

Dieser auch für die qualitative Sozialforschung bedeutende amerikanische Soziologe studierte Volkswirtschaft an der University of Newark (Rutgers University, Newark) und Soziologie an der University of North Carolina, promovierte bei Talcott Parsons in Havard. An dessen Ansatz erlebte er die unzureichende subjektive Perspektive der Individuen und deren Interpretationsleistungen im Alltag kritisch. Garfinkel vertrat die Ansicht, dass Individuen sich nicht einfach und vorbehaltlos den gesellschaftlichen Anforderungen in ihren alltäglichen Handlungen unterwerfen. Da Harold Garfinkel auch Schüler von Alfred Schütz war, wurde er theoretisch von der Phänomenologie beeinflusst und inspiriert.

Aktuell ist nach wie vor seine Fallstudie „Agnes“: Als Mann aufgewachsen unterzog sich „Agnes“ einer Geschlechtsumwandlung und musste sich jenes Wissen aneignen, das sie als Frau erscheinen ließ und wodurch sie auch als solche behandelt werden konnte. Im Unterschied zu Goffman versuchte Harold Garfinkel mit seinem Ansatz die Innenperspektive der Handelnden und das im Alltag vorhandene Routinewissen zu thematisieren.

In den 60er Jahre regte Garfinkel seine Studierenden an, sich zu Hause bei ihrer Familie so zu verhalten, als ob sie Gäste wären oder mit SchuhverkäuferInnen über den Preis zu verhandeln. Auffällig waren dabei die gleichen Muster der Betroffenen. Im ersten Moment wurden die Handlungen der Studierenden als Scherz aufgefasst, wenig später zeigten sich allerdings durchwegs aggressive Verhaltensmuster. Anhand dieser sogenannten „Krisenexperimente“ hatte Harold Garfinkel auf die Fragilität alltäglicher Kommunikation hingewiesen und verdeutlicht, wie Sprache und Handlungen vom Kontext der Situation abhängen.

Zwischen 1954 und 1987 lehrte Garfinkel an der University of California, Los Angeles (UCLA), sein Ansatz gilt auch heute noch für die Methoden der empirischen Sozialforschung und die Wissenssoziologie als wegweisend, denn unausgesprochene Alltagspraktiken und Routinewissen müssen weiterhin Gegenstand der Soziologie bleiben.

Werke:

„Studies in Ethnomethodology“, 1967

„Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen“, 1973

„Über formale Strukturen praktischer Handlungen“, 1976

„Ethnomethodological Studies of Work“, 1986

Hinweise für weitere Informationen:

http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=5949100

http://www.soc.ucla.edu/people/faculty?lid=1308&display_one=1

aus: Nachruf auf Harold Garfinkel, von Claudia Pass in: soziologie heute, Juni 2011.

Weitere Infos in: soziologie heute, Augustausgabe 2012 (Harold Garfinkel – Rebell und Visionär, von Claudia Pass)

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1 Kommentar»

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