soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

J. Klatt/F. Walter

J. Klatt/F.Walter

ENTBEHRLICHE DER BÜRGERGESELLSCHAFT?

Sozial Benachteiligte und Engagement

unter Mitarbeit von David Bebnowski, Oliver D‘Antonio, Ivonne Kroll, Michael Lühmann, Felix M. Steiner und Christian Woltering)

trancript-Verlag,

April 2011, 254 Seiten,

ISBN 978-3-8376-1789-4

Was bislang im deutschsprachigen Raum kaum zum Thema gemacht wurde, jedoch alle betrifft, ist die Teilhabe von Menschen mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsgrad an der modernen Bürgergesellschaft. In dem 2011 im transcript-Verlag erschienenen Band „Entbehrliche der Bürgergesellschaft? Sozial Benachteiligte und Engagement“ zeigen Klatt/Walter et.al. anhand ihres vom deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten Projekts auf, dass es auch bei sozial Benachteiligten zivilgesellschaftliches Engagement gibt. Dieses Engagement weicht jedoch von der bisherigen allgemein vorherrschenden Auffassung ab. Schon alleine für ihren innovativen Forschungsansatz gebührt den AutorInnen Dank.

Zunächst gibt Franz Walter einen historischen Überblick – einfühlsam und anschaulich geschrieben – für die Zeit ab den 1840er Jahren, als sich in Deutschland eine gewerkschaftlich organisierte Arbeiterbewegung formierte. Die damaligen Zauberwörter „Assoziation“ und „Bildung“ finden sich auch heute wieder, allerdings in gewandelter Form.

Walter zeigt auf, dass die sich in den 1950er Jahren allmählich durchsetzende Vollbeschäftigung, den Arbeitern ein stärkeres Gefühl der Sicherheit vermittelte und in den 1960er Jahren „schienen gar bereits einige der klassischen sozialen Fragen der Industriegesellschaft, was Armut und Elend anging, final beantwortet zu sein.“ Mit den frühen 1970er Jahren und der Zunahme des tertiären Sektors vollzog sich jedoch eine Wende. „Ganze Arbeitergruppen, die lange das Bild der Straßen und Wohnquartiere in den urbanen Zentren des Landes bestimmt hatten, lösten sich in diesem Vorgang allmählich mit auf. Ihre Arbeitskraft wurde nicht mehr gebraucht, da man Intelligenz … suchte….Und so rutschten sie in die soziale Gruppe ab, die später die Kategorisierung bzw. Stigmatisierung ‚neue Unterschicht‘ erhielt.“

Walter geht auf „Insider“ des Aufstiegs und „Outsider“ ein, analysiert die Migrantenfamilien und die jüngsten Untersuchungsergebnisse der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie des Heidelberger Sinus-Instituts. Indem er die Lebenswelt  des modernen Prekariats in ihren vielen Facetten beschreibt, stellt er schließlich die Fragen, „ob die viel zitierte und hoch belobigte Zivilgesellschaft zur Reintegration der Herausgefallenen, Überflüssigen, Marginalisierten beitragen mag, ob sie zur Partizipation und Selbstorganisation, zur Aktivierung und Einbeziehung des unteren gesellschaftlichen Fünftels taugt.“ Gerade für das Prekariat versprechen nur noch Freunde, Nachbarn und die Familie einen halbwegs verlässlichen Halt, doch diese „Solidarbeziehungen passen nicht in das einschlägige Bild bürgerschaftlicher Partizipation.“ Hier sollte – nach Meinung der AutorInnen – die Zivilgesellschaftsforschung ansetzen.

Somit war es auch Ziel des Projekts, die kaum identifizierten Mentalitäten, Einstellungen und Aktivitäten gemeinschaftsbezogener Art aufzuspüren und Handlungsempfehlungen für das Freiwilligenengagement zu formulieren.

Neben Franz Walter und Johanna Klatt sind noch zahlreiche weitere AutorInnen im Band vertreten: David Bebnowski, Oliver D‘Antonio, Ivonne Kroll, Michael Lühmann, Felix M. Steiner und Christian Woltering.

Im vorliegenden Band wird das Projekt Schritt für Schritt dargelegt. Behandelt werden u.a. Einstellungen und Handlungslogiken, „klassische“ und „moderne“ Bürgergesellschaft, Typologien und Handlungsempfehlungen. Ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie Fragebogen und Interviewleitfaden dienen der weiteren Vertiefung. Kurzum: ein Projekt, das zum Nachahmen einlädt.

Buchbesprechung von Bernhard J. Hofer

 

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