soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Adolf Günther

Die Alpenländische Gesellschaft

Adolf Günther

DIE ALPENLÄNDISCHE GESELLSCHAFT

als sozialer und politischer, wirtschaftlicher und kultureller Lebenskreis

Mit Beiträgen zur Methodenlehre der Sozialwissenschaften und 1 Karte.

Jena: Fischer, 1930, XXII/676p.

Beitrag zu diesem Werk von Richard Albrecht aus dem Heft 20/2011 von soziologie heute:

UNAUFGESCHNITTEN – ein Kapitel Soziologie

I. Kurz vor Weihnachten 2010 gab es eine positive Überraschung. Eine Paketsendung aus Berlin. Ein Berliner Buchantiquariat hatte mit 9 Euro das preisgünstigste Angebot von

Adolf GÜNTHER

Die alpenländische Gesellschaft als sozialer und politischer, wirtschaftlicher und kultureller Lebenskreis. Mit Beiträgen zur Methodenlehre der Sozialwissenschaften und 1 Karte. Jena: Fischer, 1930, XXII/676 p.

Zu löhnen dazu freilich weitere 5 Euro Versandkosten für dieses so obesitäre wie opulente wissenschaftliche Werk mit seinem Volumen 170 X 255 X 40 mm und seinem Gesamtgewicht von etwa 1.385 Gramm. Und vor allem: Es kam, gut verpackt und unbeschädigt, trotz Autobahnstaus und Bahnverspätungen im nordeifler Winter innert weniger Tage nach Bestellung an.

Das bisher nur einmal erschienene Dickbuch von Adolf Günther, damals ordentlicher Professor für politische Ökonomie und Soziologie an der Universität Innsbruck, hatte mir in der ersten Hälfte der 1980er Jahre der soziologische Gelehrte, Literat und Lehrstuhlprofessor Lars Clausen (1935-2010), von 1970 bis 2000 Direktor des Seminars für Soziologie der Kieler Universität, empfohlen. Clausen hatte es gelesen und verstanden. Später erfuhr ich, dass Clausen sich Ende der 1960er Jahre selbst, wenngleich vergeblich, auf den soziologischen Lehrstuhl in Innsbruck beworben hatte.

 

Über das um 1983/84 aus der Bonner Universitätsbibliothek (Signatur 66-3761) über Fernleihe beschaffte Buch notierte ich nach damaliger Teillektüre auf einem DIN-A-6-Kärtchen formal die Signatur „66-3761″ sowie „m.Reg.u.Karte“ und inhaltlich:

 

„Holistischer Ansatz Armenien ohne Armenier. In narrativ angelegter, in Trad. subj.-emp. Soz.forschung iS. Gottlieb Schnapper-Arndt stehender Fallstudie vom Ausgangspunkt des Siedelns um/unterhalb der Alpen Vergesellschaftung, Gemeinschaftsbildung, Kultur und pol. Institutionengefüge meth. richtungsweisend erschlossen.“

Und vor einigen Jahren erwähnte ich diesen Günther in Abgrenzung zu zwei anderen gleichnamigen Autoren im Leitaufsatz (2006) im Armenozid-Buch als Soziologen, „der eine aus Geographie und Siedlungsform entwickelte ethnographische Studie („Die alpenländische Gesellschaft als sozialer und politischer, wirtschaftlicher und politischer Lebenskreis […]“. Jena: Fischer, 1930, xii/676 p.) publizierte.“[2]

 

II.

Nun habe ich das Buch. Ich besitze es und bin nach Überweisung von 14 Euro am 20. Dezember 2010 der rechtmäßige Eigentümer dieses Prachtexemplars. Es war jahrzehntelang im Institut für deutsche Volks-kunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Signatur LV 958 63.248) verfügbar und kam über welche Wege auch immer über ein Berliner Antiquariat in mein Bibliotheks- und Arbeitszimmer (BAZ).

 

Das Institut für deutsche Volkskunde galt in der 1990 historisch abgetretenen ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik auch jenseits ihrer Staatsgrenzen als wenn nicht renommierte so doch solide wissenschaftliche Forschungseinrichtung der Akademie der Wissenschaften wie einige Namen veran-schaulichen: So der mir aus seiner Heidelberger Zeit Anfang der 1920er Jahre als intellektuelle Mentor einer 1919 gegründeten Gemeinschaft um den damals „Vielgeschrey“ genannten Carlo Mierendorff (1897-1943)[3], Theodor Haubach (1896-1945), und Carl Zuckmayer (1896-1977)[4] literarisch bekannte Dr.phil. Wilhelm Fraenger (1890-1964), 1927 Direktor der Mannheimer Schloßbücherei (1933 entlassen). 1953 bis 1959 am Institut für deutsche Volkskunde der Akademie der Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik in Berlin, dort 1954 als Stellvertretender Direktor, 1955 Professor, 1961 ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin;[5] so Dr.phil. Wolfgang Steinitz (1905-1967), ab 1952 Direktor des Instituts für deutsche Volkskunde an der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1954 bis 1963 Vizepräsident der Deutschen Akademie der Wissenschaften der DDR;[6] so Dr.phil. Wolfgang Jacobeit (1920), der „Pionier einer neuen, vom Ballast völkischer und nazistischer Traditionen befreiten Volkskunde“ der DDR[7], noch 2000 bekennender „Schüler“ von Steinitz und Fraenger[8], nach seiner Habilitation 1961 bis 1986 ordentlicher Professor für Ethnologie /Kulturgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

III.

Nachdem ich behutsam die ersten beiden Seiten meines Buchexemplars aufblätterte, sah ich sofort, daß dieses Exemplar bisher nicht gelesen worden zu sein konnte. Entsprechend der Anfang der 1930er Jahre auch in Deutschland üblichen Heftung und Bindung von damals auf Basis von 16-seitigen Bögen gedruckter Bücher hätten die Seiten mit ihren drei Kanten jeweils mithilfe besonderer kleiner Brieföffner „französisch“ aufgeschnitten werden müssen. Beim „Alpengünther“-Buch wären dazu je nach Fertigkeit und Übung jeweiliger Lektüreinteressenten, um das Buch vollständig lesen zu können, bis zu 500 Aufschnitte nötig gewesen.

 

Das eingangs beschriebene Buchexemplar aus dem Bestand des Institut für deutsche Volkskunde der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin enthielt keinen einzigen Schnitt. Es war unaufgeschnitten, unberührt, virginal – und vor allem: ungelesen.

 

Eine ähnliche Beobachtung und Erfahrung teilte nach seiner Remigration der Kölner Lehrstuhlsoziologe René König (1906-1992)[9] mit: Auch Theodor Geigers 1932 als Buch erschienene Studie „Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage“ war in der Institutsbibliothek wohl „unmittelbar bei Erscheinen angeschafft worden (1932), aber seither unaufgeschnitten geblieben.“[10]

 

IV.

An dieser Stelle sollten weder Königs Kölner Beobachtung noch meine Jahrzehnte später gemachte analoge Erfahrung mit Blick auf empirische Facetten gesellschaftlicher Schwindelstrukturen[11], die mich als historisch arbeitenden Sozialforscher besonders interessieren, diskutiert und kommentiert werden. Insofern hier – und als Schlussakkord – nur so viel: als „gelernter“ Marxist möchte den speziellen Gebrauchswert meines „Alpengünther“ nicht missen. Also werde ich dieses Buch über die alpenländische Gesellschaft als Beweisstück nicht aufschneiden, sondern unaufgeschnitten aufheben … was auch meint: ich muss über ein neues Antiquariat einen neuen „Alpengünther“ auftreiben, genauer: für ein weiteres „gut erhaltenes Exemplar“ müsste ich freilich bei einem anderen Berliner Antiquariat noch mal 24,90 Euro löhnen.[12].

 

Literatur:

[1] Zitiert nach Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse. Essays. Nachwort Karsten Witte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977 [= st 371]: 50

[2] Richard Albrecht, Armenozid. Aachen: Shaker, 2006 [= Genozidpolitik im 20. Jahrhundert 2]: 94, Anmerkung 5

[3] Richard Albrecht, Der militante Sozialdemokrat. Carlo Mierendorff 1897 bis 1943. Bonn-Berlin: J.H.W. Dietz Nachf., 1987 [= Internationale Bibliothek Bd. 124]: 48/49

[4] Richard Albrecht, Symbolkampf in Deutschland 1932; in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 22 (1986) 4: 498-533; ders., Der sensible Sozialdemokrat. Theodor Haubach (1896-1945); in: AVS-Informationsdienst, 16 (1995) 3: 3-4 [und] 4: 4-5; Peter Zimmermann, Theodor Haubach (1896-1945). Eine politische Biographie. Ebenhausen/Hamburg: Dölling & Galitz, 2004, 453 p. [= Forum Zeitgeschichte 15]; Richard Albrecht, Carl Zuckmayer im Exil, 1933–1946. Ein dokumentarischer Essay; in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 14 (1989): 165–202; ders., No Return – Carl Zuckmayers Exil. Aspekte einer neuen Biografie des deutschen Erfolgsdramatikers. Ein dokumentarischer Essay. Mainz: Carl-Zuckmayer-Gesellschaft, 1995, 72 p.; ders., Hg., Facetten der internationalen Carl-Zuckmayer-Forschung. Beiträge zu Leben – Werk – Praxis. Mainz: Carl-Zuckmayer-Gesellschaft, 1997, 136 p.

[5] http://www.fraenger.net/per_vita_9033.html

[6] http://www.fraenger.net/per_steinitz.html

[7] http://www.zeit.de/2001/22/Ein_Grenzgaenger

[8] Wolfgang Jacobeit, Von West nach Ost – und zurück. Autobiographisches eines Grenzgängers zwischen Tradition und Novation. Münster: Westfälisches Dampfboot, 2000: 298

[9] Richard Albrecht, „Einmal Emigrant – immer Emigrant“: René König; in: soziologie heute, 3 (2010) 10: 30-33

[10] René König, Soziologie in Deutschland. Begründer / Verfechter / Verächter. München: Hanser, 1987, 503 p., hier 11

[11] Richard Albrecht, Such Linge. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und

neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker, 2008, 112 p. [= Berichte aus der Sozialwis-senschaft]

[12]http://www.zvab.com/advancedSearch.do?author=g%FCnther&publisher=&title=die+alpenl%E4ndische+Gesellschaft&keyword=&anyWords=&isbn=&publicationYearFrom=&publicationYearTo=&priceFrom=&priceTo=&itemMedium=al&countryOfSeller=all&languageOfBook=all&lastXDays=-1&displayCurrency=EUR&itemsPerPage=25&totalItemCount=200&sortBy=6

 

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