soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

BRAUCHEN WIR ALLGEMEINBILDUNG?

Auszug aus: soziologie heute, Heft 18/2011

In Zeiten zunehmender Spezialisierung scheint Allgemeinbildung an Bedeutung zu verlieren. Studiengänge, welche für das Erwerbsleben wichtiges Wissen vermitteln, boomen zunehmend. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit beispielsweise Kenntnisse von Latein/Griechisch oder allgemeines Geschichtswissen Menschen in ihrem beruflichen Fortkommen nützen. Bringt Allgemeinbildung oder berufliche Bildung uns in der Gesellschaft  und – was vielleicht noch wichtiger ist – unsere Gesellschaft vorwärts?

soziologie heute hat dazu erfahrene Soziologen aus Österreich und Deutschland eingeladen, ihre Meinung kurz darzulegen.

Manfred Prisching

Universitätsprofessor an der Karl-Franzens-Universität Graz/Sowi-Fakultär/Institut f. Soziologie

Man tut immer so, als ginge es bei der Allgemeinbildung darum, die Geburtsdaten von Kaiserin Maria Theresia, die Symphonien von Goethe oder die Dramen von Mozart (oder so ähnlich) aufzählen zu können. In Wahrheit geht es um etwas völlig anderes, und das sei kurz am Beispiel des Verständnisses für eine demokratische Ordnung, das wir möglicherweise konsensuell als relevante Befähigung erachten könnten, erläutert.

Man wird das Wesen, die Gefährdungen und die Funktionsfähigkeit einer Demokratie, auch „unserer“ Demokratie, nicht verstehen, wenn man nicht die griechischen Ursprünge des Systems betrachtet (was waren die populistischen Gefahren, warum hatte das Modell einen elitären Charakter?); wenn man nicht die große römische Leistung analysiert, Elite und Volk in zwei gleichberechtigten Versammlungen zu institutionalisieren (warum gibt es in fast allen Verfassungen zwei Kammern, und warum heißt in den USA eine davon „Senat“?); wenn man nicht die große Leistung der Aufklärungsphilosophen nachvollziehen kann, institutionelle Vorkehrungen gegen den Machtmissbrauch zu schaffen (wie bastelt man eine Verfassung, die einerseits der Regierung Schlagkraft sichert, andererseits ihre Entartung zuverlässig durch Gegenmächte und Bremsmechanismen verhindert?); wenn man nicht die außerordentliche europäische Errungenschaft würdigen kann, Kirche und Staat (nach enormen Opfern) säuberlich voneinander zu trennen (warum war diese Trennung, die uns heute selbstverständlich dünkt, im Verständnis von Zeitgenossen so sensationell?); wenn man sich nicht in die Diskussion der Zwischenkriegszeit hineindenken kann, wer konstitutionell als „Hüter der Verfassung“ aufzutreten hätte.

Man kann freilich sagen, die Demokratie sei ohnehin gesichert, Wahlen seien nicht erklärungsbedürftig, über Populismus wüssten wir Bescheid, Boulevardzeitungen genügten, man müsse die Machtverhältnisse einer Demokratie oder die unterschiedliche politische Logik anderer Kulturkreise nicht verstehen… Aber Demokratie ohne Allgemeinbildung ist ein Leichtsinn oder eine Dummheit. Fallstudien dieser Art lassen sich auch für andere Lebensbereiche erzählen.

Bernd Vonhoff

Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher SoziologInnen, Geschäftsführer der FSV-Netzwerk GmbH, Autor von „Erfolgsfaktor Sinn“

Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand heute einen Beruf erlernt, den er in gleicher Weise noch kurz vor der Rente ausübt, wird aufgrund der sich immer schneller verändernden gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Anforderungen immer geringer. Selbst traditionelle handwerkliche Berufe  erleben die Einflüsse durch Globalisierung und Informationstechnologie im Arbeitsalltag. Spezial- und Faktenwissen veraltet in immer kürzerer Zeit. Allgemeinwissen dagegen basiert oft auf  Jahrhunderte alten Erkenntnissen, deren Gesetzmäßigkeiten noch heute gültig sind.

Bereits heute zeigt sich, dass sich die Lebensläufe der zukünftigen Generationen durch vielfältige Berufsstationen und Aufgaben auszeichnen werden. Allein deshalb würde eine reine Spezialisierung  in eine persönliche und gesellschaftliche Sackgasse führen. Je mehr Wissen dem Einzelnen, nicht nur in der Tiefe, sondern auch in der Breite zur Verfügung steht, desto kreativer können Lösungen erarbeitet und desto schneller können neue Aufgaben bewältigt werden.

Wer beurteilen möchte, ob seine angedachten Lösungen hilfreich für seine jeweilige Fragestellung sind, muss Vergleiche anstellen können. Dies erfordert übergeordnete Kenntnisse, um das Wissen in Gesamtzusammenhänge einordnen und in sinnvolles oder sinnloses, relevantes oder belangloses Wissen einteilen zu können. Wer über eine gute Allgemeinbildung verfügt, besitzt dieses Wissen. Er kann sich aufgrund dieser Tatsache schnell in Spezialthemen einarbeiten. Umgekehrt funktioniert dies nicht.

Wer im Fazit über sein Spezialwissen hinaus über eine große Allgemeinbildung verfügt, kann in komplexen Situationen leicht erkennen, wann das Spezialwissen allein für eine Problemstellung nicht mehr ausreicht. In diesen Fällen wird derjenige auf Spezialisten anderer Fachgebiete zugreifen. Über diesen Weg werden Synergieeffekte erzeugt, die neue Lösungen und neue Wege des Handelns eröffnen.

Klaus Böhnke

Professor für Social Science Methodology an der Jacobs University Bremen

Die Antwort kann nur ein ganz klares Ja sein. Ich möchte diese Position aus der Perspektive der tertiären Bildung begründen. Hier stehen die Zeichen der Zeit gerade nicht auf Spezialisierung, sondern auf Flexibilisierung und Interdisziplinarität. Die aus meiner Sicht erfolgreichsten Bachelor-Programme sind nicht die im deutschen Sprachraum nach wie vor beliebten Ein-Fach-Bachelor oder gar die Bachelor-Programme, die es mit einer Spezialisierung auf eine Bindestrichdisziplin (XY-Soziologie) versuchen, sondern solche Programme, die ihren Studierenden den Blick über den disziplinären Tellerrand ermöglichen, indem sie etwa einen BA in Integrierten Sozialwissenschaften oder einen dezidiert interdisziplinär ausgerichteten BA in Umweltwissenschaften anbieten. Für MA-Studiengänge und strukturierte Doktorandenprogramme gilt Ähnliches, wie wir unter Anderem an der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS) sehen können.

Um in solchen Studiengängen erfolgreich studieren zu können und später auch auf einem sich globalisierenden Arbeitsmarkt gute Erfolgschancen zu haben, bedarf es nicht nur interdisziplinärer Curricular-Anteile, sondern eine sehr gute Allgemeinbildung ist Voraussetzung für den Studienerfolg. Allgemeinbildung darf dabei aber nicht auf den klassischen Kanon bürgerlicher Wissensdesiderata reduziert werden. Allgemeinbildung muss heute nahtlos übergehen in „cultural knowledge“ als Basis von „global cultural competence“, ohne die eine nachhaltige Beteiligung am Erwerbsleben in Zukunft immer weniger auskommen wird.

Einige Zeilen aus dem Faust richtig zitieren zu können oder zu wissen, wer die Glühbirne erfunden hat, ist hilfreich, aber wenn dies nicht ergänzt wird um Kenntnisse zur grundlegenden Stoßrichtung des Konfuzianismus oder die Bedeutung von Verstorbenen in afrikanischen Kulturen, greift ein solches Verständnis von Allgemeinbildung zu kurz. Allgemeinbildung verstanden als Weltwissen hingegen wird in Zukunft immer bedeutender werden.

Erich Kremsmair

Wirtschaftsreferent des Berufsverbandes der SoziologInnen Österreichs, Managingpartner des Unternehmensberaternetzwerkes orangecosmos

Noch nie verfügt eine Gesellschaft über so viele gut ausgebildete Mitglieder wie heute. Verfolgt man die Bildungsdiskussion in Österreich könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir heute über weniger Bildung verfügen als in der Vergangenheit. Gestiegen sind lediglich die gesellschaftlichen Erwartungen was jeder Einzelne zu wissen hat. Dadurch steigt die Lücke zwischen dem was der Einzelne tatsächlich weiß und dem was vermeintlich jeder zu wissen hat. Zwei Fragen drängen sich in diesem Zusammenhang: Was ist Bildung, hier im speziellen Allgemeinbildung? bzw. Wer bestimmt was der Einzelne so allgemein zu wissen hat?

Wird unter Allgemeinbildung  die Beherrschung der grundlegenden Kulturtechniken verstanden, dann ist Allgemeinbildung unabdingbar, ja sogar Voraussetzung für den beruflichen Erfolg. Theorie und Praxis zeigen, dass der berufliche Erfolg nicht vom virtuosen Beherrschen des Fachbereichs abhängt, sondern davon ob jemand mit anderen „kann“? Anders ausgedrückt fachliches Knowhow ist die Grundlage, Allgemeinbildung die Ursache für beruflichen Erfolg.

In einer ausdifferenzierten Gesellschaft ist es weder möglich und noch sinnvoll, dass alle Mitglieder Latein, Altgriechisch, Keilschrift usw. beherrschen. Somit ist jedes Mitglied aufgefordert zu entscheiden, welches Wissen für sie/ihn persönlich von Bedeutung ist. Auch die Entscheidung sich keine Bildung anzueignen ist eine Entscheidung.

Was für die Mikroebene gilt, gilt nicht für die Makroebene. Auf der Ebene der Gesellschaft ist es wichtig, dass einzelne Menschen Latein oder Altgriechisch beherrschen, die Keilschriften und Hieroglyphen lesen können, wenn sie diese Kompetenz in der Regel aus beruflichen Gründen benötigen. So existiert Wissen verteilt in den Köpfen der Mitglieder einer Gesellschaft bzw. in Büchern oder ist digital gespeichert. Bildung ist dann nicht das Beherrschen des Wissens dieser Welt, sondern das Interesse am Wissen der Anderen. Diese Bildung ist immer zeitgemäß, schützt die Gesellschaft bei ihrer Entwicklung und unterstützt beim beruflichen Fortkommen.

Advertisements

No comments yet»

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s