soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

LIBERALISMUS ODER SOZIALISMUS?

Was ist das richtige Gesellschaftsmodell?

Auszug aus soziologie heute, Heft 29/2011

 

Mit dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahre 1991 schien die Diskussion um das „richtige“ Gesellschaftsmodell beendet worden zu sein. 20 Jahre später erleben die Fragen um das „richtige“ Gesellschaftsmodell – ausgehend von England – eine neue Aktualität und Brisanz. Sind wir zu lange und zu einhellig der Ideologie des Liberalismus gefolgt? Kann uns der Sozialismus bei der Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme helfen?  Wie viel Liberalismus verträgt eine Gesellschaft? Wie viel Sozialismus braucht sie? soziologie heute hat dazu ExpertInnen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich eingeladen, ihre Meinung kurz darzulegen.

 

Dieter Senghaas
Professor am Institut für Interkulturelle und Internationale Studien an der Universität Bremen

Nicht mehr aktuell sind die beiden „Ismen“ jeweils für sich genommen. Denn Liberalismus und Sozialismus hatten ihren Ausgangspunkt in ganz anderen Kontexten als den heutigen soziopolitischen und gesellschaftlichen Bedingungen: Bürgerlicher Liberalismus entwickelte sich im Kampf gegen die überkommene feudale Ordnung, das „ancien régime“. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wurden Sozialismen eine unausweichliche Reaktion gegen die drohende und schließlich tatsächliche Proletarisierung der meisten in Abhängigkeit arbeitenden Menschen.

Beide politische Bewegungen haben im Laufe der Zeit schließlich in Teilen Europas zu einem von den jeweiligen „Ismen“ nicht vorhergesehenen Gesellschaftsmodell geführt: zu einem zwar immer noch optimierbaren, aber prinzipiell nicht hintergehbaren Profil der rechtsstaatlich-demokratischen Ordnung moderner Prägung und darin dem unabweisbaren Bemühen um Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit, deren Ausmaße und Realisierung weiterhin umstritten sind. Auf diesem Wege ließen sich gesellschaftspolitische und kulturelle Konfliktfronten von sozial mobil werdenden und sich politisierenden Gesellschaften abfedern; es gelang, grundlegende Konflikte einigermaßen zivilisiert zu bearbeiten. Wo dieser konfliktreiche Prozeß jedoch mißlang, kamen korporatistisch-faschistische bzw. totalitäre Systeme, wenn auch langfristig erfolglos, an die Macht.

Heute wiederholen sich in vielen Teilen der Welt (man denke derzeit an „Arabellion“) die grundlegenden gesellschaftspolitischen Kämpfe um politische Teilhabe und soziale Gerechtigkeit, die die Geschichte von Teilen Europas im 19. und 20. Jahrhundert kennzeichneten. Auch sehen sich die relativ konsolidierten liberal-sozialdemokratischen Länder in und außerhalb Europas in der Folge von Globalisierung und einer kopflos-blinden Sucht nach Deregulierung einer drohenden ordnungspolitischen Bestandsgefährdung ausgesetzt. Dem ist mit allem Nachdruck entgegenzuwirken, denn Verteilungsgerechtigkeit und Fairneß sind weiterhin unerläßliche Voraussetzungen einer zeitgemäßen modernen politischen Ordnung.

 

 

Friedrich Schneider

Professor am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Johannes-Kepler-Universität Linz

Die Weltwirtschafts- und Finanzkrise hat eindeutig gezeigt, dass insbesondere im Finanzbereich nicht regulierte Märkte erhebliche Schäden für einzelne Länder, aber auch in globaler Hinsicht, anrichten können. Es stellt sich die Frage, was kann getan werden, dass derartige wirtschaftliche Zusammenbrüche, wie wir sie im Jahr 2008 und 2009 erlebt haben, nicht mehr passieren. Sicherlich wäre es auf der einen Seite ein vordringlichstes Ziel die Finanzmärkte aus globaler Sicht einheitlich zu regulieren, so zb. eine Transaktionssteuer einzuführen, Leerverkäufe von Aktien zu verbieten und den Computerhandel mit Aktien, Devisen und anderen Finanzprodukten so zu reglementieren, dass nicht ein Automatismus eintritt, wenn beispielsweise ein Computer anfängt, Aktien zu verkaufen, es die anderen auch machen und damit ein globaler Abwärtstrend ohne realwirtschaftliche Gründe ausgelöst wird.

Auf der anderen Seite hat die Weltwirtschaft von den globalen Finanzmärkten bzw. von dem globalen Handeln auch sehr viel profitiert. Große Volkswirtschaften wie China, Indien, Indonesien oder Brasilien sind zumindest teilweise zu erheblichem Wohlstand gekommen. Man sollte also das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Regulierung der Finanzmärkte ist notwendig. Eine Regulierung in ökosozialer Hinsicht ist es ebenso. Andererseits ist jedoch darauf zu achten, dass das marktwirtschaftliche Funktionsprinzip erhalten bleibt und nicht durch planwirtschaftliche Elemente ersetzt wird, denn mit planwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen haben wir ja auch sehr schlechte Erfahrungen gemacht.

Gibt es nun einen Königsweg? Ich glaube kaum. Ein Wirtschaftssystem, das auf der Marktwirtschaft beruht, aber sowohl Markt- als auch Politikversagen minimiert, erfordert viel Pragmatismus und Einsicht und kann nur mit dem Willen aller Beteiligter errichtet werden. Es ist allerdings zur Zeit ein Gebot der Stunde, eine effektive Regulierung der Finanzmärkte energisch voranzutreiben und international durchzusetzen.

Katrin Späte

Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Stellung einer Studienrätin im Hochschuldienst am Institut für Soziologie der Universität Münster, Vorstandsmitglied des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen e.V.

Der Liberalismus sei auf die Idee der Freiheit als wichtigstem politischen Ziel heruntergebrochen, der Sozialismus auf die Idee der Gleichheit. Im Wettbewerb realisierter Umsetzungen von politischen Leitideen führte die Idee der Freiheit bisher. Für westliche liberale Politikansätze ist jedoch die Garantie der Freiheit des Marktes zu sehr in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt worden. Es scheint als sei das Prinzip der freien Marktwirtschaft vom Mittel zum Zweck, ja zum eigentlichen Zweck geworden.

Sollte das Gemeinwohl aller bisher bereits schon Privilegierter dadurch gesteigert werden, dass die ausschließliche Konzentration auf die Steigerung des Eigennutzes einer und eines jeden eben dazu schon beitragen werde, wird nun das Wohl noch weniger Menschen auf Kosten der verbliebenen etwas Privilegierten gefördert. Immer weniger Menschen sind auch in reichen Ländern frei von Hunger, Armut und Elend, von der Freiheit zur Selbstverwirklichung ganz zu schweigen.

Da überrascht es wenig, dass eine Sozialistin gegenwärtig die Formel „Freiheit statt Sozialismus“ in „Freiheit statt Kapitalismus“ umwandelt. Für sozialistische Ansätze ist das Wirtschaften intentional Mittel zum Zweck geblieben, möglichst vielen Menschen ein möglichst gleich gutes Leben zu ermöglichen, auch wenn in den realisierten gesellschaftlichen Ordnungen ebenfalls das Orwell‘sche „Alle Menschen sind gleich, manche sind gleicher“ galt.

Sozialistisches Denken kann helfen liberalistischen Selbstläufern Grenzen zu setzen, den Antagonismus zwischen Freiheit und Gleichheit zu mildern. Eine Wiederholung von Albtraum-Diktaturen möge uns aber erspart bleiben.

 

 

Peter Atteslander

em. Universitätsprofessor an der Universität Augsburg, davor Professuren in Cornell, New York und an den Universitäten von Köln, Genf und Bern

Diese Fragen sind ebenso aktuell wie scheinbar  klar formuliert. Trotzdem sind sie – wie zahlreiche ähnliche oft an die Soziologie  gestellten Fragen – umfassend  kaum  zu beantworten. Wenn, dann nur nach empirischer Forschung, die in einzelnen Gesellschaften durchgeführt werden.   Von welchem Liberalismus, respektive  Sozialismus ist die Rede?

An Stelle einer Antwort, schlage ich folgendes  Vorgehen vor: Ich suche zu den Fragen ein theoretisches Konzept, das  empirisch überprüft werden soll. Von den wenigen mit universeller Geltung scheint mir dasjenige im vorletzten Jahrhundert  von Durkheim angesichts der tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen der rasch fortschreitenden Industrialisierung  formulierte  Axiom der Anomie  am zutreffendsten.

Um die obenstehenden Fragen zum Zwecke der Felderhebung  in einzelnen Gesellschaften operationalisieren zu können, stelle ich zunächst Anomie als theoretisches Konzept auf die gegenwärtigen Umwelt der Gesellschaften in der fortschreitenden Globalisierung vor. Diese führt insgesamt zu stärkerer Interdependenz  aller Gesellschaften, wobei  der Soziale Wandel sich insgesamt beschleunigt, jedoch einzelne  Gesellschaften  unterschiedlich erfasst. Daraus folgt, dass die Anomie weltweit wächst. Anomie als gesellschaftliche Struktur bedeutet , dass sich Menschen zunehmend schwer tun, sich gesellschaftlich zu orientieren und  sich wandelnden normativen Bedingungen anzupassen. Zugang zur Erwerbsarbeit etwa  verändert  sich immer rascher. Simple sozioökonomische Indikatoren verlieren an Aussagekraft und verbieten oft Vergleiche: Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Ägypten, in dem nahezu die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahren alt ist,  bedeutet  auf Grund endemischen  Ausmaßes   einen weit höheren Grad an Hoffnungslosigkeit und Anomie, als in vielen reicheren Staaten der Ersten Welt.

Zu den gestellten Fragen zum Zweck der empirischen Untersuchung folgende zwei Hypothesen:

1. Liberalismus in Form von weitgehend unkontrollierter weltweiter  Währungsspekulation führt zu zerstörerischer Anomie . Wenige Gesellschaften ertragen deren  langfristigen anomischen Wirkungen.

2. An Stelle des Begriffes Sozialismus würde ich gesellschaftliche Strukturen nach Grad gegenseitiger Solidarität oder auch institutioneller Solidarität (z.B. Krankenkasse etc.) und den Begriff des Sozialen Kapitals verwenden, beides Mittel bestehende Anomie zu mindern, gar zu überwinden.1

1) Ausführlicher behandelt in:  Atteslander ‚The Impact of Globalization on Methodology. Measuring Anomie and Social Transformation in: International Review of Sociology Vol.17, No3, 2007, pp.511-524.

 

 

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