soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Roland Girtler

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Roland Girtler

Max Weber in Wien

Lit-Verlag Wien 2013, 76 Seiten,

ISBN 978-3-643504739

Roland Girtler ist wohl einer der fleißigsten Autoren unter den Soziologen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Forschungen und Veröffentlichungen über Randkulturen wie Prostituierte, Schmuggler, Wilderer, Obdachlose oder Aristokraten. In seinem jüngst erschienen Büchlein widmet sich Girtler dem Wien-Aufenthalt des großen deutschen Soziologen Max Weber. Dieser lehrte im Sommersemester 1918 an der Universität Wien politische Ökonomie. Girtler erzählt, wie Max Weber in dem bis in die 1960er Jahre existierenden Gasthaus zum Goldenen Hirschen verkehrte und sich dort von den Anstrengungen seiner Lehrtätigkeit bei einem Mahl, Pilsner Bier und einer Zigarre erholte. Aus dem Gasthaus wurde später ein Studentenheim und das Institut für Soziologie, an welchem auch Girtler die – wie er es bezeichnet – wohl  wichtigsten Jahre meines Lebens als Universitätsangehöriger“ verbracht hat.

Obwohl Weber die alte Stadt Wien in ihrer bezaubernden Vornehmheit schätzenlernte, die „phantastischen“ Preise für Speisen und auch die „erstaunlich schönen Mädchen“betonte, zog es ihn dennoch zurück nach Deutschland. Anscheinend – so der Autor – dürfte die nachlässige Zahlungsmoral der österreichischen Staatskasse daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.

Auch das legendäre Cafe Landtmann spielt eine Rolle in Girtlers Schilderung. Hier hat der lautstarke Disput Webers mit Joseph Schumpeter stattgefunden. Auslöser waren die unterschiedlichen Ansichten der beiden über die russische Revolution.

Das Büchlein, welches wie alle Werke Girtlers angenehm und flüssig zu lesen ist, schließt mit einer Hommage an Max Weber: dem Heben eines Glases Bier mit Studenten im Cafe Landtmann in Erinnerung an Weber, der angeblich selbst mit Studenten Nächte durchzecht hatte, und mit einem vom Abbruchunternehmen offensichtlich vergessenen Ziegelstein des ehemaligen Institut für Soziologie in der Alserstraße.

Bernhard Hofer, soziologie heute, Heft 29/Juni 2013

Roland Girtler

Eigenwillige Karrieren

Wer seine eigenen Wege geht, kann nicht überholt werden

Böhlau-Verlag, 2011

459 Seiten, geb.

ISBN 978-3-205-78644-3

Euro: 24,90

Roland Girtlers neuestes Buch passt in unsere heutige Zeit. Angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen trotz oder mit guter Ausbildung in prekären Beschäftigungssituationen leben bzw. sich viele Erwerbstätige von Arbeitslosigkeit bedroht fühlen, werden sie höchstwahrscheinlich vom Buch durch einen ersten flüchtigen Blick angezogen. Wer aufgrund des Titels „Eigenwillige Karrieren“ klare Empfehlungen hinsichtlich Beruf und Karriereplanung erwartet, irrt und wird eines Besseren belehrt.

Der Autor gibt in seiner bekannten Art und Weise Einblicke in verschiedene gesellschaftliche Milieus und zeigt vor allem, dass Erfolg nicht vordergründig mit den erklommenen Stufen der Karriereleiter verbunden ist. Anhand von 17 ausgewählten Personen, die der Autor persönlich kennt, erhalten die LeserInnen sowohl zeitgeschichtliche Perspektiven, wie Schule und Beruf früher ausgewählt wurden, als auch Beschreibungen von großteils ungewöhnlichen „Berufen“. Von „Privatgelehrten“, „Operettenforscher“ reicht die Palette über „Bergsteiger“, „Wirtin“ bis hin zu „Musikant“ und „Totengräber“. Die Wege in den jeweiligen Biographien sind manchmal geradlinig, beispielsweise wenn von Kindesbeinen an der Wunsch nach einem bestimmten Beruf besteht. Häufig wird erkennbar, dass die beschriebenen Menschen vielfältige Interessen haben, die auf den ersten Blick nicht unbedingt miteinander harmonieren.

Dieses vom Autor bezeichnete „bunte Völkchen“ mit seinen dargestellten „Lebensbildern“ verbindet, dass diese Menschen „ihre eigenen Wege gegangen sind und auch noch gehen. Sie haben sich nicht beeinflussen lassen durch Vorstellungen oder Bedrängnisse anderer“. Mit dieser Fokussierung kommt der Soziologe einem grundlegenden Handlungsauftrag seiner Profession nach. Die Vermittlung von Orientierungswissen impliziert, dass ein Folgen des mainstreams nicht notwendigerweise „gesellschaftlichen Fortschritt“ nach sich zieht und dass eine Gesellschaft eine Vielfalt in seinen Lebensbiographien hat und auch benötigt. Zugleich erkennt man durch die Lektüre des Buches, dass jeder Mensch, wenn er über seine Neigungen und Interessen Bescheid weiß und diesen (trotz diverserer Widerstände) nachgehen kann, wohl etwas „Heldenhaftes“ in sich trägt.

Roland Girtler trifft damit den Nerv der Zeit, denn wir benötigen viele „kleine“ und „größere“ HeldInnen, um einer gegenwärtig deutlicher werdenden gesellschaftlichen Erstarrung entgegenzuwirken. Dies will uns der Autor anhand dieser ausgewählten und ungewöhnlichen Lebensgeschichten mitteilen. Durch die Buchlektüre gewinnt die Leserschaft aber auch Einblicke in jene Zeitgeschichte von Österreich, die vielleicht aus Geschichtsbüchern ein Begriff sind und deren Auswirkungen im Alltag wenig bekannt sind.

Claudia Pass, soziologie heute, Heft 21/Feber 2012

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