soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Thomas BEDORF

Thomas Bedorf

Andere

Eine Einführung in die Sozialphilosophie

Reihe Sozialphilosophische Studien

transcript Verlag 2011, 210 S., kart.,

Euro 17,80

ISBN 978-3-8376-1710-8

 

Thomas Bedorf widmet sich in seinem neuesten Buch „Andere“ einem – vielleicht gerade im letzten Jahrhundert – besonders bedeutsamen Thema. Führte die Geschichte des Anderen in der antiken und mittelalterlichen Philosophie noch ein Schattendasein, so vermag heute das Denken „der Andersheit des Anderen wirksam Rechnung“ (S. 9) tragen. Die Andersheit, oftmals als Randgebiet der Philosophie bezeichnet, wird bei Bedorf zu einem Grundbegriff der Sozialphilosophie. „Erst als ‚die Gesellschaft‘ ein eigenständiger Reflexionsgegenstand wird (mit dem nahezu gleichzeitigen Entstehen von Soziologie und Sozialphilosophie), wird es sinnvoll, danach zu fragen, welche Rolle der Andere für die jeweilige Sozialphilosophie spielt“ (S. 189).

In seinem „Ritt durch die Geschichte“ (S. 187) weist er auf die Vielfalt der Konzeptionen und häufig auch gegensätzlichen Dimensionen der Frage nach dem Anderen hin. Bedorf legt Wert darauf, aufzuzeigen, wie soziale Andersheit gedacht wurde und gedacht werden kann. Ausgehend von der Ontologie (der Lehre vom Sein) verweist er auf Platons „Andersheit“ als Kategorie des Seienden, erarbeitet die Figur der sozialen Andersheit aus Aristoteles‘ Handlungstheorie, seiner Tugendlehre und politischen Theorie und wechselt von Thomas von Aquins „irdische Andere“ auf das „vernünftige Andere“ nach Kant. Die Reise führt weiter über die phänomenologische Neuentdeckung des Anderen zur Erkenntnistheorie der Psyche des Anderen, widmet sich Herbert Meads „generalized other“ und Habermas‘ Einbeziehung der Anderen in den universalen Diskurs. In seiner Herausarbeitung der Trennung zwischen Subjekt und Anderem stellt Jean-Paul Sartre eine wichtige „Übergangsfigur“ (S. 149) dar und schafft den Auftakt zu einer neuartigen Theorie der Alterität. Mit Emmanuel Levinas und Jacques Derrida finden Bedorfs Betrachtungen ihren (vorläufigen) Abschluss.

Die Sozialphilosophie – nach Bedorf ein deutsches Spezifikum, dessen Bezeichnung sich erst im 20. Jahrhundert durchsetzte – sieht er in enger Nachbarschaft zur „Politischen Theorie, zur soziologischen Theorie oder Sozialtheorie sowie zur Kulturphilosophie“ (S. 8). Dieses Buch mit seiner anschaulichen und in historischer Abfolge aufbereiteten Entdeckung des Anderen führt anhand dieser Frage in die Problemgeschichte der Sozialphilosophie ein. Aufgrund der zahlreichen Querverweise und der an manchen Stellen sehr ausführlich beschriebenen philosophischen Positionen, erscheint dieses Werk auch für sozialphilosophische Quereinsteiger als durchwegs brauchbares Instrument, sich möglichst schnell und dennoch gehaltvoll einen historischen und zugleich systematischen Überblick über die wichtigsten Theorien und Positionen dieser Teildisziplin zu verschaffen.

Bernhard Hofer, soziologie heute, Heft 21/Feber 2012

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