soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Götz, Haydar Aly

VolkohneMitte

Götz Aly

Volk ohne Mitte. Die Deutschen zwischen Freiheitsangst und Kollektivismus. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag, 2015, 266 S.,

Preis: Euro 21.99  (D), Euro 22.70 (A)

ISBN 9783100004277

 

Buchbesprechung von Ruth Wilma Albrecht, Bad Münstereifel

Volk ohne Mitte spielt auf Hans Grimms zum nazinützlichen Schlagwort geronnenen Buchtitel Volk ohne Raum (1926) an. Der Untertitel des Sammelband mit seinen nur zwei neuen Beiträgen befördert bekannte Stereotypen wie Deutsche und Kollektivismus. Mitte und Freiheit gelten im heutigen Ganzdeutschland als politisch korrekte Chiffren. In der Einleitung “Fretwurst, der Deutsche“ betont der inzwischen als Gastprofessor und Publizist bekanntgewordene ehemalige Maoist (*1947), er habe sich mit dem Titel an einer gemalten Variation von Wolfgang Mattheuers Plastik Jahrhundertschritt (1984) als Ausdruck des “gesinnungstüchtigen Deutschen” ausgerichtet. Es folgen elf Autorenbeiträge sowie Anmerkungen und Register.
Es findet sich As Rede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises “Knechtsinn und Freiheitsangst. Ludwig Börne mit Vergnügen gelesen” (2012), aus der Berliner Zeitung “Macht sie zu Pulver! Die Berliner Judenverbrennung von 1510”, der ethnische Politik als Herrschaftstechnik zur Loyalitätsabsicherung von Mittelschichten im Zusammenhang mit der Nationalstaatsbildung behandelnde Vortrag “Ethisch säubern, sozial aufsteigen. Gegen Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden” und As Predigt zum 9. Gebot in der Ev. Stadtkirche in Darmstadt “All dieses Böse kommt von innen” (alle 2010).

Der aufklärerische Text “Die Nutznießer des Mordens. Wie sich die Deutschen bereicherten” (2002/03) fasst “Zeit”-Artikel zusammen und aktualisiert mit Blick auf die Raubkunstdebatte um die Gurlitt-Sammlung. Verwiesen wird darauf, dass mittels des enteigneten Eigentums der später ermordeten Juden und durch Besatzungskosten, Kriegsanleihen sowie Kredite in den vom NS-Staat besetzten Ländern der Staatsbankrott im Reich verhindert, deutsche Steuerzahler entlastet, die Ordnung in den Okkupationsstaaten gefestigt und deutsche Soldaten und Bevölkerung korrumpiert wurden – was zumindest zur passiven Loyalität zum Regime beitrug.

In der Buchmitte steht als Erstdruck As Eloge auf den Ordoliberalen und Staatsrechtler “Wilhelm Röpke gegen Volk und Führer. Liberale Kritik am nationalen Sozialismus”. Röpke gilt als Verfechter von Kapitalismus, Privateigentum an Produktionsmittel, freier Konkurrenz und Freihandel, polemisierte gegen “Kollektivismus” und staatliche Interventionen einschliesslich der mixed economy von Keynes und erkannte „den klassenübergreifenden Massencharakter der NS-Bewegung und deren starken Kern akademisch gebildeter Mitglieder und Sympathisanten.“

Weitere Texte erinnern daran, dass “Die Deutschen in der Stunde null” an “Tugenden” der Nazijahre wie Leistungsbereitschaft und Mobilität anschlossen. In der Ablehnung der Stalin-Note (1952) durch die Adenauerregierung und im Ost-West-Konflikt sieht A “Die heilsame Wirkung des Kalten Krieges”, in der “die Traumata des Krieges eingefroren und vier Jahrzehnte lang Stück für Stück abgebaut” wurden. In “Was wusste Walter Jens? Was vergessen seine Ankläger” versucht A eine bequellte Rehabilitation des prominenten Rhetorikprofessors und verweist auf dessen mutigen studentischen Vortrag über Thomas Mann 1944. Sodann beschreibt A. die Rolle exponierter, als methodisch fortschrittlich geltender akademischer Alt-BRD-Historiker, Theodor Schieder und Werner Conze, als Ostforscher in Königsberg und Posen mit ihren Untersuchungen, die für spätere Vertreibung, Enteignung, Versklavung und Ermordung der ansässigen Bevölkerung genutzt werden konnten als “Arbeit an den ´Vorstufen der Vernichtung´. Zwei Historiker in den NS-Jahren”.

Im letzten erfahrungsgesättigt-quellenbezogenen Text “Weitere Elaborate Alys verhindern! Gedächtnisschwund deutscher Hirnforscher” berichtet A von Schwierigkeiten, die ihm die Max-Planck-Gesellschaft machte, weil er anhand der Gehirnsammlung von Julius Hallervorden nachweisen wollte, dass dessen Neuroanatomensammlung kindlicher Gehirne nur durch Mord an Psychiatriepatienten möglich wurde. Diesen kriminellen Tatbestand versuchte das MPG-Personal durch Lügen, Intrigen, Diffamierung und Diebstahl zu vertuschen.

Was A im Sammelband kritisiert ist nicht neu und wurde schon von ihm u.a. vorgetragen: etwa von Wolfgang Mönninghoff zur Enteignung der Juden 2001, Thomas Szasz zum Mythos Geisteskrankheit 1975, Hans Gerhard Schmierer als Conze-Kritik Ende der 1960er Jahre. Auch As Kollektivschuldthese, die Deutschen seien opportunistische Fretwursts (Uwe Johnson), ist ebenso bekannt wie sein rechts=links-Totalitarismusdogma. Die jahrzehntelange leere Mitte des deutschen Volkes sieht A mit der “Wiedervereinigung” genannten deutsch-deutschen Staatsverschmelzung ausgefüllt: “Über eine gemeinsame, weithin anerkannte Verfassung, ein allgemein geachtetes Rechtssystem, entsprechende öffentliche Institutionen und Verfassungsorgane verfügen die Deutschen seit 1990. Bis dahin blieben sie in wechselnder staatspolitischer Gestalt ein Volk ohne Mitte.”

As Beiträge sind provokant und meinungsstark. Ärgerlich fand ich die meist im bestimmten Artikel stereotypisierte fehlende Differenzierung (“die Deutschen”), die Finalisierung deutscher Staatsgeschichte auf den 3. Oktober 1990 und As ganzdeutsche Ideologie als Verlust kritischen Denkens nach dem Muster: Manche früh´re Kritiker der Elche / Sind inzwischen selber welche.

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