soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Sudhir Venkatesh

9783867744218

Sudhir Venkatesh
Floating City
Gangster, Schlepper, Callgirls und andere unglaubliche Unternehmer in New Yorks Untergrundökonomie

übersetzt von Jürgen Neubauer

Preis: Euro 22,–
Murmann-Verlag,
Februar 2015, gebunden, ca. 280 Seiten,
ISBN: 9783867744218

Venkatesh ist ein Soziologe, der vor allem andere Menschen in ihrem Alltag beobachtet, sie interviewt, mit ihnen mitlebt – kurz: deren Biografien erfasst und versucht, mit dieser Methode das große Ganze zu erklären. Anfangs erscheint er seinen Wissenschaftskollegen
– insbesonders jenen, die Daten erheben und Umfragen durchführen – eher suspekt. Auch Venkatesh – Teil dieser scientific community
– ist immer wieder von Selbstzweifeln geplagt. Reicht die Anzahl seiner Interviews aus, ist seine Stichprobe repräsentativ und inwieweit
kann er seinen „Interviewereinfluss“ möglichst hintanhalten? Und wie schaut es aus mit dem Problem der Verallgemeinerbarkeit?
Venkatesh bewegt sich in einem Feld, zu dem Forscher nur schwer Zugang finden. Es ist die Welt der Gangster, Dealer, Callgirls, aber auch jene der Kinder der Reichen, die aus ihrer (vorgegebenen) Welt ausbrechen wollen und sich auf kriminelles Terrain begeben. Um in diese Welt einzudringen, braucht man – ähnlich wie der österreichische Soziologe Roland Girtler es vorgelebt hat – einen Zugang, einen Kontakt.
Den Zugang fand Venkatesh durch einen Crack-Dealer in Harlem, der erste Kontakte für ihn zu Prostituierten, Zuhältern, Puffmüttern, Pornoproduzenten, Schiebern und Drückern, Sexbrokerinnen etc. herstellte. Im Zuge seiner Beobachtungen erkannte Venkatesh, dass er sich von dem Gedanken, dass geografische Räume bei der urbanen Sozialisierung die wichtigste Einheit sind, verabschieden musste. New York war anders. Die Leute waren ständig in Bewegung. Grenzen wurden überschritten und ihre „Gemeinschaft war die Summe aller ihrer Beziehungen“2.

Die Schattenwirtschaft stellt bis heute die wichtigste Einnahmequelle für die Bewohner von Harlem dar, vor allem für jene Personen, „die
keine Arbeit fanden oder geistig und körperlich nicht in der Lage waren, einem Ganztagsjob nachzugehen.“3 Diese „Arbeitslosen“ verdienen nahezu den Mindestlohn von einem regulären Job, ihre Einnahmen fließen ins jeweilige Viertel zurück und hoben dort den Lebensstandard der Bewohner. Aber der Preis dafür ist hoch: ständige Angst vor dem Gesetz, das „von-der-Hand-in-den-Mund-Leben“, keine Ersparnisse, kein Kredit u.v.m. Aber diese Untergrundwelt – so Venkatesh – „passte sich auch an, um einen der ihren zu beschützen, und ließ spontan eine improvisierte Gemeinschaft entstehen.“4 Die zahlreichen improvisierten Gemeinschaften (informelle Netzwerke) basieren auf gegenseitigem Interesse und Zuneigung – unabhängig der von Soziologen oft eingeräumten Ethnien- und Klassengrenzen.

Venkatesh räumt auf mit den Sonntagsreden der Politiker und der Selbstbeweihräucherung der Finanzwelt und verweist auf die lateinamerikanischen „Kindermädchen, die unangemeldet für die Yuppies arbeiten, die in den teuren Eigentumswohnungen“5 leben. Er widmete sich der schwierigen Aufgabe, die Verbindungen von „oben“ und „unten“ zu kartieren. Die jungen reichen Philanthropen „kauften und verkauften elegante Sportwagen oder fuhren mit ihnen um die Welt, andere finanzierten unabhängige Filmprojekte, wieder andere spielten oder investierten in Unternehmen – alles sorgfältig verborgen vor dem Finanzamt und ihren Eltern. Nicht erwischt zu werden war
eine Art Reichensport.“6

In Anlehnung an Elliot Liebow weist Venkatesh darauf hin, dass – wenn die Armen immer unter denselben Umständen leben – sie kaum neue
Biographien hervorbringen.7 Und natürlich kommt auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu mit seinem als Soft Skills bezeichneten „kulturellen Kapital“ in den Fokus. Um das große Geld zu verdienen – so Venkatesh – müssen Prostituierte lernen, vornehm zu speisen und sich über Politik, Literatur und Oper zu unterhalten.8

Venkatesh zeigt bei seinen Forschungen auf, dass es vor allem die informellen Botschafter sind, denen eine wichtige Vermittlerrolle zukommt. Diese versuchen, in beide Richtungen der Grenzen – unabhängig von ethnischen und kulturellen Unterschieden – zu kommunizieren und sich entsprechend anzupassen. Seine Forschungsergebnisse hat Venkatesh populärwissenschaftlich im Buch „Floating City“ veröffentlicht. Es erinnert an Klassiker der soziologischen Forschung wie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ oder an Roland Girtlers diverse Milieustudien. Ich persönlich wünsche mir mehr dieser soziologischen Wagemutigen.

Bernhard Hofer

 

Quellen:
1) Venkatesh, Sudhir: Floating City. Murmann
Verlag, Hamburg 2015, S. 7.
2) Ebd., S. 32.
3) Ebd., S. 47.
4) Ebd., S. 66.
5) Ebd., S. 52.
6) Ebd., S. 121.
7) vgl. ebd., S. 165.
8) vgl. ebd., S. 187.

Advertisements

No comments yet»

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s