soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Joseph E. Stiglitz/ Bruce C. Greenwald

DIE BIBEL DES OPTIMISMUS

Joseph E. Stiglitz/ Bruce C. Greenwald – Creating a Learning Society; New York: Columbia University Press 2014 (660 Seiten)

Dieses “gewichtige” Buch ist aus einer “lecture” in Würdigung des Nobelpreisträgers 1972 Kenneth J. Arrow entstanden, der schon vor mehr als fünfzig Jahren die theoretischen Grundlagen einer innovativen Wachstumspolitik lehrte – und eine „learning society“ als notwendige Voraussetzung dafür sah. Dieses im Umfang wie in der wissenschaftlichen Gründlichkeit beeindruckende Werk untermauert die These, dass zur laufenden Krisenbewältigung in Wirtschaft und Gesellschaft „endogenous learning“ notwendig ist, auf allen Ebenen einer Lerngesellschaft.

Einige Kern-Zitate seien im Original-Englisch gebracht.

„Democratic processes can lead to the antitheses of an open transparent society.“ (467) “There is thus at least one more requirement for long term success: inclusive growth.” (467) “Markets, on their own, do not ensure this, even in seemingly well-functioning advanced industrial countries.” (468)

Das geforderte “inwendige” Lernen ist genau das Gegenteil vom Auswendiglernen fixierter Inhalte, dem Kernelemente traditioneller Bildung und jedweder Dogmatik. Lernen ist da als fortlaufendes Sammeln von Erfahrungen und Einsichten zu verstehen, als Experimentieren und Analysieren – und das auf allen Ebenen der Gesellschaft, vom Individuum bis zu den großen Gemeinschaften von Kultur, Religion, Politik in ihrer wirtschaftlichen Verbundenheit. Die Lebensweisheit aus dem Alltag gehört da genau so dazu wie die technischen Erfindungen und die Revolutionen in Politik und Kultur.

Beides Lernen ist notwendig, das Vermitteln und Weitergeben, die Tradition des Bestehenden und das Entdecken und Erfinden des Neuen, die Innovation. Durch diese verwirrende Vielfalt der Lernprozesse sucht diese Sammlung der einschlägigen Theorien aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaften Orientierung zu bieten.

Im (wirtschaftlichen) Wettbewerb sind innovative Techniken und Produkte sind innovative Techniken und Produkte umso rentabler, je mehr es bei fixer Nachfrage einen effizienten Markt mit flexiblen Preisen gibt oder bei steigerungsfähiger Nachfrage ein Monopol besteht – also im Konkurrenzvorteil durch billigere Herstellung (Produktions-Innovation) oder durch eine Neuerung (Produkt-Innovation). Diese Gesetzmäßigkeit gilt in ihren Grundzügen auch für Kultur und Poliitik.

Nach Stiglitz wollen Monopolisten ihre Monopolmacht erhalten und investieren daher in Forschung und Neuerung, mit Erfolg, bis starke Innovationen in Feldern neuen Lernens (Quantensprünge) auftauchen. Daraus folgt: eine Lerngesellschaft ist am erfolgreichsten, wenn sie zwischen Monopolismus und Vielfalt der Konkurrenz eine suchende Balance hält. Der Markt allein leistet das nicht – und die Zentralisierung von Macht und Wissen auch nicht. Und nur Lernen aus prüfender Erfahrung führt zum Optimum, im steten Balancieren.

Diese dogmenfeindliche Lehre steter Flexibilität wird nun in 22 Kapiteln, die das weite Feld der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften durchwandern, mit konkreter Wissenschaft untermauert. Zum guten Teil wendet sich das an fachlich Versierte oder an Lernbegierige, im Sinne der Herausforderung einer „learning society“. Im internationalen Englisch, dem Latein der Moderne. Für „Menschen des Buches“ eine Herausforderung.

In einem „Afterword: Rethinking Industrial Policy“ sucht Philippe Aghion eine schlüssige Formel für die Herausforderung im aktuellen Problem der Umweltpolitik – mit dem Modell dieses Buches. Das Rezept ist: gleichzeitig mit hoher Umweltsteuer und hohen Subventionen für umweltschonende Techniken beginnen, um die Lernstrukturen anzukurbeln – um dann die Dynamik allmählich wieder dem Markt zu überlassen, mit immer weniger Steuerungseingriffen. Und das gilt für alle politische Steuerung der Wirtschaft. Die Frage „Staat oder Privat“ wird in einer „learning society“ zu einer zyklischen Balance zwischen Innovation und Expansion.

Ernst Gehmacher (Dez. 2015)

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