soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

In memoriam: Ernst Gehmacher

Am 22. Jänner 2021 starb der große Sozialforscher und ehemalige wissenschaftliche Leiter des Instituts für empirische Sozialforschung (IFES) Prof. Ing. Ernst Gehmacher im 95. Lebensjahr. Mit ihm verliert die Sozialforschungs-Community einen ihrer großen Pioniere. Während der 1970er und 80er Jahre begleitete er wissenschaftlich den gesellschaftlichen Wandel, führte zahlreiche Studien zu Themen wie Arbeit, Alterung, Armut, Fristenlösung, Drogen und Sexualaufklärung durch und engagierte sich nach seiner beruflichen Tätigkeit als Visionär für Ökokultur. Er gilt in Österreich als Vater der Sozialkapitalforschung und hat sich als Glücksforscher bis zuletzt mit der Frage nach einem glücklichen Leben auseinandergesetzt. Für die soziologie heute war er als Autor vieler Beiträge ein interessanter und wertvoller Rat- und Impulsgeber.


Ernst Gehmacher wurde am 6. August 1926 in Salzburg geboren. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er in Wien Landwirtschaft und war als Guts-Adjunkt auf einem Gutshof nahe Wien tätig. Von 1957 bis 1962 war er Redakteur der Arbeiter-Zeitung und studierte berufsbegleitend Soziologie. Anschließend war er Assistent beim bekannten Soziologen Leopold Rosenmayr. Im Jahr 1965 schließlich wandte sich Gehmacher vollends der Forschung zu. Karl Blecha hatte zwei Jahre zuvor das Wiener Sozialforschungsinstitut gegründet und gewann Gehmacher zum weiteren Auf- und Ausbau des Instituts. Ab 1968 war er wissenschaftlicher Leiter und ab 1976 Geschäftsführer der inzwischen in IFES umbenannten Sozialforschungseinrichtung. Im Jahr 1996 ging Ernst Gehmacher in Pension. Doch für den stets umtriebigen Forscher bedeutete diese keineswegs Ruhestand. Er gründete das Büro für die Organisation angewandter Sozialforschung (BOAS), übernahm 1997 für zwei Jahre die Geschäftsleitung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) und war um die Jahrtausendwende wissenschaftlicher Leiter der Paul Lazarsfeld-Gesellschaft (PLG). Im OECD-Projekt „Measuring Social Capital“ war er Beauftragter des Bildungsministeriums. Neben all seinen Tätigkeiten war er noch Lehrbeauftragter an der Universität Wien und der Technischen Universität Wien.


Wir trafen Ernst Gehmacher viele Male im Cafe Raimund nahe dem Wiener Volkstheater, wo wir uns gerne mit ihm über seine sozialwissenschaftlich betreuten Projekte unterhielten, zuletzt jene in der Seestadt Wien, welche eines der größten Stadtentwicklungsgebiete Europas ist, oder auch die Arbeit mit Migranten. Schon viele Jahre zuvor betreute er Projekte wie die Errichtung der Donauinsel, des Donaukraftwerks Freudenau, die EU-Volksabstimmung, die Kampagne gegen das Ausländervolksbegehren oder die Gründung der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien.


Gehmacher veröffentlichte zahlreiche Bücher und Fachbeiträge zu Zeitschriften. Gemeinsam mit Angelika Hagen widmete er sich zuletzt dem Sozialkapital (Sozialkapital-Glück und Liebe messen und machen, 2016) und mit Anneliese Fuchs der Frage, wie man glücklich und mit innerer Zufriedenheit ins hohe Alter kommen kann (Wege zum Glück, 2018). Im Jänner 2020 wurde Ernst Gehmacher für sein jahrzehntelanges Engagement das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien verliehen.


Die Redaktion der soziologie heute trauert um Prof. Ing. Ernst Gehmacher und wird ihm stets ein würdiges Andenken bewahren. Möge sein unermüdliches Wirken gegen Ungerechtigkeit, Armut und Chancenungleichheit noch zahlreiche Sozialforscher befruchten und sie anleiten, seinem Beispiel zu folgen!

Für die Redaktion der soziologie heute:


Dr. Bernhard Hofer Dr. Claudia Pass Dr. Alfred Rammer

%d Bloggern gefällt das: