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Eric J. Hobwsbawm (1917-2012)

von Richard Albrecht, 1. Oktober 2012

Eric John Ernest Hobsbawm (1917-2012) war ein bedeutender marxistischer Historiker und Soziologe. Er starb heute, fünfundneunzigjährig, am 1. Oktober 2012 in London.

Von Eric Hobwsbawm erschienen in den letzten Jahren drei deutschsprachige Bücher: Globalisierung, Demokratie und Terrorismus (Aus dem Englischen von Andreas Wirthenson. München: dtv, 2009, 176 p. [dtv premium]); Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen (Hg. Friedrich-Martin Balzer; Georg Fülberth. Köln: Papyrossa, 2009; ²2010, 240 p.); Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus. (Aus dem Englischen von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn. München: Hanser, 2012, 447 p.)

Primitive Rebels. Studies in archaic forms of social movement in the 19th and 20th centuries erschien zuerst 1959 und sodann, von Barry Hyams eingedeutscht, 1962in der Luchterhandreihe als Soziologischer Text 14: Sozialrebellen. Diese Studien zu archaischen Sozialbewegungen und vor allem Hobsbawms Darstellung des vorsozialistisch-linksstehenden Sozialbanditen[1] als Typus waren für mich, wie vorher die soziologischen Bestseller von David Riesman The Lonely Crowd (1950, dt. 1956) und von Vance Packard The Hidden Persuaders (1957, dt. 1958) und nachher die Bücher von Eric Hoffer, The True Believer. Thoughts on the Nature of Mass Movements (1951, dt. 1965 udT. Der Fanatiker. Eine Pathologie des Parteigängers; erweiterte Neuausgabe 1999) und von Daniel J. Boorstin, The Image. A Guide to Pseudoevents in America (1961, dt. 1964 udT. Das Image oder Was wurde aus dem amerikanischen Traum?), die kritisch-anregenden Texte, wegen derer ich nicht, wie zunächst geplant, in Kiel (Meeres-) Biologie und Kunst(-pädagogik) aufs Lehramt, sondern Soziologie/Politikwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik aufs Ungewisse zu studieren begann.

Der 1917 in Alexandria geborene, in Wien und Berlin aufgewachsene und 1933 nach London emigrierte britisch-jüdische Sozialwissenschaftler Eric John Ernest Hobsbawm wurde vor allem durch die Publikation seiner Buchtrilogie zum achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert[2] ein großer akademischer Name. Und seit Mitte der 1990er Jahre mit seiner im Zeitalter der Extreme[3] begründeten These zum zwanzigsten als kurzem Jahrhundert 1917 bis 1989 ein zeitgeschichtlicher Meisterdeuter. Im Gegensatz etwa zu (s)einem auch historisch-soziologisch arbeitenden, freilich schulenbildenden Genossen, Kollegen und fellow-country-man Thompson[4] untersuchte Hobsbawm weniger spezielle Arbeiterklassenentwicklungen/politiken, sondern übergreifende und allgemeine Epochenprobleme (konter)revolutionärer Prozesse. Dabei ging Hobsbawm als im Oxbridge der roten dreißiger Jahre marxistisch geschulter Sozialwissenschaftler auch im Besonderen methodisch von der „multidimensionality of human beings in society“[5] aus und versuchte damit, aus der Falle soziologischer Eindimensionalität[6] sei´s marxistischer, sei´s antimarxistischer Prägung herauszukommen. Hobsbawms 2002 erschienene Autobiographie[7] schließlich soll die „weltoffene, urbane Existenz“ des Autors repräsentieren und diesen „fraglos im letzten halben Jahrhundert [als] die Inkarnation eines Weltbürgers“ (Hans-Ulrich Wehler) ausweisen[8].

Hobsbawms deutsch(sprachig)er Sammelband Zwischenwelten und Übergangszeiten. Interventionen und Wortmeldungen wurdevonFriedrich-Martin Balzer und Georg Fülberth herausgegeben. Er erschien 2009  in erster und 2010 in zweiter Auflage in einem linksorientierten Kölner Verlag. Der Band ist, wie auch Globalisierung, Demokratie und Terrorismus und Wie man die Welt verändert, eine Textterrine und zugleich der aktuellste der drei genannten Sammelbände. Zwischenwelten  und Übergangszeiten enthält einundzwanzig deutsche Kurztexte und ist damit auf auch publizistisch „einfache Formen“ (André Jolles) wie Diskussionsbeitrag, Forschungsskizze, Miszelle, Gedenkrede und Interview kapriziert. Die Buchtexte entstanden seit 1965. Ihre Schwerpunkte liegen zeitlich in den letzten fünfzehn Jahren und sachlich in politikgeschichtlichen Feldern. Die Texte sind jeweils bequellt und in Form eines Anhangs ergänzt durch eine achtseitige Bibliographie von hundert deutsch(sprachig)en bzw. deutsch übersetzten Texten Hobsbawms 1944-2009. Der Band enthält sowohl ein zweiseitiges Herausgebervorwort als auch ein dreiseitiges Personenregister. Ergänzend zu diesem Druckwerk lassen sich bei YouTube etwa ein Dutzend aktuelle Vorträge von und Interviews mit Hobsbawm anklicken und (kostenlos) herunterladen.[9]

Und wie dort akustisch-visuell so zeigt sich auch hier buch-textlich, daß dieser auch vom „stern“ anerkannte wichtige „Gegenwartshistoriker“ – „fraglos einer der zurzeit bedeutendsten Figuren der internationalen Geschichtswissenschaft“ (Hans-Ulrich Wehler) – nicht wie im Hamburger Wochenmagazin am 6. Mai 2009 reklamiert ein apokalyptisch-blutrünstiger Geselle[10], sondern vielmehr ein nüchtern beschreibender und gediegen analysierender (und wie Hobsbawm selbst betont: linksengagierter) Zeitgenosse ist. Dies veranschaulichen bei aller autobiographischer Narratik zwei seiner Wortmeldungen als Buchtexte: seine Kurzansprache zur Geschichtswissenschaft (Wien 2008) und sein in diesem Sammelband erstveröffentlichtes Interview zur Dritten Krise (London 2009).

Im Beitrag zur Geschichtswissenschaft hebt Hobsbawm als berechtigterweise stolzer Greis (und nach Selbsteinschätzung „wohl der international bekannteste britische Historiker“) weniger auf seine vierbändigen „groß angelegten Synthesen des 19. und 20. Jahrhunderts“ ab als vielmehr auf den Ausgangspunkt seiner history from below und das beeindruckende Kapitel zum Sozialbanditen als/aus Sozialrebellen. Insofern wäre es auch keine bloße Eitelkeit im Sinne von „Selbstgefälligkeit, Gefallsucht, Nichtigkeit“[11] als vanity fair gewesen, wenn Hobsbawms Primitive Rebels – wie kürzlich Irving Horowitz´ Transaction-Edition seiner Studien zur Idee von Krieg und Frieden im neuzeitlichen philosophischen Denken[12] – nach fünfzig Jahren in einer erweiterten Neuausgabe 2009 veröffentlicht worden wären. Aber wie auch immer:Die Rückbesinnung des Autors auf Primitive Rebels empfinde ich als ähnlich redlich wie seine Variation der letzten Feuerbachthese[13]: „Geschichte [ist] nicht nur zum Verstehen der Welt da, sondern auch zum Verändern und Verbessern der Welt“ und seinen offenen Schlußakkord: daß „nur die Zukunft entscheiden“ kann, ob er als Historiker zugleich auch ein „bedeutender Schriftsteller“ war.

Gestört hat mich dreierlei: die doppelt benützte antisoziologische Kategorie „Glück“ zur Erklärung seiner Historikerkarriere; die Verkennung bedeutender Versuche anderer Sozialwissenschaftler, die Jahrzehnte vor ihm „Verbindungen zwischen der Geschichte und den Gesellschaftswissenschaften“ suchten[14]; und der Kotau vorm nach wie vor nachhaltig überschätzten (oben doppelt zitierten) Haupt der „Bielefelder Deutschen Gesellschaftsgeschichte“[15]. Dieses wurde vor fünfunddreißig Jahren kritisiert.[16] Zuletzt polemisierte es im Radiointerview gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht anläßlich des 90. Jahrestag von deren Ermordung am 15. Jänner 1919 und unterstrich seine (auch als politische Mordapologie rezipierbare) These: „Wer den Bürgerkrieg entfesselt, lebt immer im Angesicht des Todes“ achtzehn Mal durch die Leerformel „sozusagen“[17].

Der zweite Text geht auf den geschichtlichen und aktuellen Kapitalismus als Wirtschaftsform, seine „grundlegenden Krisen“ und seine durch die gegenwärtige, inzwischen teilweise aufgebrochene, Ideologie des economic market fundamentalismus mit ihren quasireligiösen Verklärungen ein. Was die meisten „Volkswirtschaftler“ als „Theologen mit mathematischen Algorithmen“ als das „Neue seit den 70er Jahren“ verkannten – Internationalisierung und Multinationalisierung der Produktion – und was nur wenige Weltökonomen, etwa in Deutschland der ehemalige SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt, als problematischen „Raubtierkapitalismus“ kritisierten, läßt sich mit vorgehenden Krisen nicht vergleichen. Hobsbawm erinnert an die „ökonomische Weltkrise“ von 1929, daß es „letztlich der Krieg war, der sie beendete“ und daß das wirksame Krisenlösungsprogramm „die Vorbereitung des Krieges“ mit einem zehn Jahre später folgenden Weltkrieg war. Das neue Moment der ihn beängstigenden gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise „ist ein verhältnismäßiger Rückzug der großen alten Zentren durch die Auswanderung der Produktion und auch der hochintellektuellen, hochgradigen Dienstleistungen in andere Länder.“ Es ist nicht der „ungeheure Rückzug aller Linken in Europa“, der Hobsbawm bedrückt. Sondern der  Antritt neuer rechtsextremistischer Kräfte, die im Gegensatz zu herkömmlichen Konservativen „keine Angst vor Tabubrüchen haben“ und insofern von der „totalen Unsicherheit der Weltordnung“ profitieren:

„[Ich] bin auf kurze Sicht nicht besonders optimistisch. Im Lauf der nächsten 20, 30 Jahre wird sich ein neues Weltsystem herausbilden, so daß, wenn es nicht in der Zwischenzeit zu Katastrophen kommt […], der Kapitalismus auf welche Weise auch immer seine 30, 40 Jahre weiter funktionieren kann, bis er wieder seine internen Widersprüche entwickelt. Aber was die Antriebskräfte der sozialen Interessen der Bevölkerung, der Völker sein werden, das ist bei weitem nicht so klar.“

Hobsbawm erzählt lebendig und flüssig. Was herauskommt ist meilenweit entfernt von allen ganzdeutschen Bierschenken, die im gegenwärtigen Mediendeutschland Talkshow genannt werden. Dem Alleswissentrend widerspricht auch Hobsbawms grundlegender Hinweis auf die Unmöglichkeit, Zeitpunkte von Krisen(prozessen), ihren Anfängen und Enden, vorherzusagen: „Was sich nie voraussagen läßt, ist der Moment, in dem etwas geschieht.“

Und auch noch der „alte“ Hobwsbawm ist als Historiker, Soziologe und Marxist wirklich der alte geblieben: Gesellschaft existiert für ihn nach wie vor real und muß weder neu rekonstruktiv erfunden noch dekonstruktiv in partikeligen Diskursen dekonstruiert werden. Hobwsbawms Vorstellung von Gesellschaft als System reflexiv handelnder und zu gemeinschaftlichem planvollen Handeln grundsätzlich fähiger Menschen beruht auf dem historisch-materialistischen Grundsatz von Marx & Engels: Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein“[18]. Sie ist damit zum einen aller eindimensional-reduktionistischen und zum anderen jeder individualistisch-obskurantistischen Sicht auf ein so unbegriffenes wie unbegreifliches Sozialgebilde, aus der und in dem schon soziale Schichten als „Erfindung“ von Soziologen gelten („There is no such thing as society, only men and women and their families“ [Margaret Thatcher: „Gesellschaft ist ein Unding. Es gibt nur Männer, Frauen und deren Familien“]), um eine wissenschaftshistorische Epoche voraus. Denn sie stellt Gesellschaft als allgemeinen und übergreifenden Handlungszusammenhang in seiner Gesamtheit vor: Gesellschaft bildet sich nicht in Form einer Addition von Subjekten ohne Raum- und Zeitbindung, ohne Tradition, ohne Kultur, ohne Erfahrens- und Gefühlswelten. Gesellschaft ist auch keine bloße Aufhäufung angesammelter „vereinzelter einzelner“ als Individuen. Gesellschaft ist vielmehr ein grundlegender gemeinschaftlicher Handlungszusammenhang, der die „Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus[drückt], worin diese Individuen zueinander stehn.“[19]

In der letzten Interviewpassage geht Hobsbawm auf innert der vielen Veränderungen namentlich des „late modern age“ (Anthony Giddens) gleichwohl realexistierende Konstanten ein und nennt beispielhaft erstens biologische, zweitens geographische sowie drittens die Musik, die Kunst und die Schönheit: „Und viertens noch etwas: Soweit ich weiß, gibt es keine Gesellschaft ohne den Begriff der Ungerechtigkeit. Und daher soll es auch keine geben, in der man sich nicht gegen sie auflehnt.“

Dies ist die Perspektive des vor zwanzig Jahren entwickelten kultur- und sozialwissenschaftlichen Utopischen Paradigma[20], in dessen deutsch(sprachig)er Gesamtzusammenfassung der auch von Hobsbawm angesprochene Zusammenhang verallgemeinert wurde:

„Geht man […] davon aus, daß derzeit in allen westlichen Gegenwartsgesellschaften beschleunigte Wandlungs- und Umbruchprozesse stattfinden, dann erscheint die aktuelle soziale Welt grundsätzlich veränderbar und zukunftsoffen. Damit ist auch eine neue wissenschaftliche Perspektive für die Zukunft und in der Zukunft möglich und nötig. Es geht um die Konturen eines neuen, wenn auch derzeit empirisch noch nicht voll ausgebildeten Zivilisationsmodells als Grundlage einer zunehmend globaler werdenden neuen Welt.  Das künftige ‚westliche‘ Zivilisationsmodell könnte nach meiner Auffassung auf vier Grundpfeilern beruhen: auf Subjektivität, Reflexivität, Responsivität und Interpretavität. Dies sind wesentliche Elemente, die schon heute in den gegenwärtig erfahrbaren Umbruchs- und Wandlungsprozessen (wenn auch empirisch noch nicht voll entfaltet) angelegt sind und die in den nächsten Jahrzehnten bedeutsamer werden. Jedes neue Zivilisationsmodell meint aber zugleich auch eine andere soziale Ordnung, die mit dem empirisch immer bedeutsamer werdenden ‚emotionalen Überschuß‘ (mental surplus), den es in jeder Gesellschaft gibt, strukturell zusammenhängt. Damit dürfte sich zukünftig – und zunehmend – auch wieder ein altes menschliches Grundproblem neu stellen: Wie eine gerechte(re) Sozialordnung möglich ist.“

Bleibt mit Blick auf Hobsbawns vorletzte menschliche Konstante Musik chronistisch nachzutragen, daß der Autor noch als Zweiundneunzigjähriger kürzlich an seine damals pseudonym veröffentlichten Jazzmusikkritiken und seinen “freizügigen nächtlichen Lebensstil“ im London der 1950er Jahre publizistisch erinnerte[21]. Und daß auch diese Splitter von Hobsbawms Memoirs von einem der Buchherausgeber, Dr. Friedrich-Martin Balzer, ins Deutsche übertragen und veröffentlicht wurden.[22]

 

1 Englische Taschenbuchausgabe 1965. Hobsbawms Buch Bandits erschien 1969, dt. 1972 udT. Die Banditen; Neuausgabe 2007

2 Hobsbawm, The Age of Revolution. Europe 1789-1848 (1962), dt. 1962; ²1978; Industry and Empire (1968), dt. 1969, zwei Bände; The Age of Capital. 1848–1875 (1975), dt. 1980; The Age of Empire (1987), dt. 1989

3 Hobsbawm, Age of Extremes. The short twentieth century, 1914-1991 (1994), dt. 1995 udT. Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts; Taschenbuchausgabe 1998

4 E. J. Thompson, The Making of the English Working Class (1963)

5 Hobsbawm, Working-class Internationalism; in: Contributions to the History of Labour & Society, vol. I, 1988: 3-16

6 Anstatt weiterer etwa: „Das Streben nach Einkommen [ist] die unvermeidlich letzte Triebfeder allen wirtschaftlichen Handelns“; Max Weber, Wirtschaft & Gesellschaft [1920]; Studienausgabe 1964: 153

7 Hobsbawm, Interesting Times. A twentieth-Century life (2002); dt. 2003 udT. Gefährliche Zeiten; Taschenbuchausgabe 2006

8 Buchrezension: Sendung DLR Berlin 21. Juli 2003: http://www.dradio.de/dlr/sendungen/buchtipp/223110/

9 http://www.google.de/search?hl=de&q=youtube+hobsbawm&tbs=vid:1&t=p&source=vgc&num=10

10 http://www.stern.de/wirtschaft/geld/historiker-eric-hobsbawm-es-wird-blut-fliessen-viel-blut-662937.html „Es wird Blut fliessen, viel Blut“

11 Wolfgang Pfeifer et.al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1989; ³1995: 273)

12 Irving Louis Horowitz, The Idea of War & Peace in Contemporary Philosophy (1957; greatly expanded edition ³2007)

13 „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Karl Marx [ad Feuerbach]; Marx-Engels-Werke Bd. 3 (= MEW 3): 7

14 Von politisch „rechts“ bis „links“, etwa: Robert(o) Michels (1876-1936): Sozialismus und Fascismus als politische Strömungen in Italien. Historische Studien (1925); Materialien zu einer Soziologie des Fremden; Jahrbuch für Soziologie 1925: 296–371; Die Psychologie der antikapitalistischen Massenbewegungen; Grundriß der Sozialökonomik, IX/1, 1926: 241–359; Eine syndikalistisch gerichtete Unterströmung im deutschen Sozialismus (1903–1907); Festschrift für Carl Grünberg zum 70. Geburtstag (1932): 343–364; Zur Soziologie der Bohème und ihrer Zusammenhänge mit dem geistigen Proletariat; Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik 1932: 801–816; Historisch-Kritische Untersuchungen zum politischen Verhalten der Intellektuellen; Schmollers Jahrbuch 1933: 807-836; Umschichtungen in den herrschenden Klassen nach dem Kriege (1934). – Alfred Meusel (1896-1960): Die Abtrünnigen; Kölner Vierteljahreshefte für Sozialwissenschaften, 3 (1923) 2/3: 152-169; Karl Marx; Gründer der Soziologie. Eine Vortragsreihe. Hg. Fritz Karl Mann. Jena: Gustav Fischer 1932: 96-108 [= Sozialwissenschaftliche Bausteine IV]; Thomas Müntzer und seine Zeit […] Berlin: Aufbau-Verlag, 1952, 336 p. – Leo Kofler (1907-1995): Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriß einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie (1944; ²1971); Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft (1948; ²1966); Die Gesellschaftsauffassung des Historischen Materialismus; Handbuch der Soziologie 1956: 512-529; Geschichte und Dialektik (1955, ³1973; Neuausgabe 2002); Marxistische Staatstheorie (1970)

15 So zuletzt Thomas Lindenberger (Bulletin of the German Historical Institute Washington/D.C., Spring 2010: 27-31)

16 Richard Albrecht, Anmerkungen zur Konzeption der ´modernen deutschen Sozialgeschichte´; Marxistische Blätter 1/1975: 62-67

17 http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/904356/ „Hans-Ulrich Wehler zum Mord an Luxemburg und Liebknecht“

18 MEW 3: 37

19 Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie [Rohentwurf 1857/58], Berlin 1974: 176

20 Richard Albrecht, The Utopian Paradigm – A Futurist Perspective, in: Communications (1991): 283-318; gekürzt udT. TERTIUM […]: http://www.grin.com/e-book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept

21 Hobsbawm, Diary; London Review of Books (LRB): 27 May 2010: 42; http://www.lrb.co.uk/v32/n10/eric-hobsbawm/diary

22 Hobwsbam, Meine Jahre als Jazzkritiker; junge Welt, 12. Juli 2010: 10-11

 

[Dieser Nachruf schließt an an den Beitrag des Autors „Zwischenwelten und Übergangszeiten – Eric Hobsbawms letztes Buch“; in: Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG), 12 (2011) 1: 173-179; gekürzt auch in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS), 36 (2011) 3: 109-112; erweiterte Netzfassung http://www.trend.infopartisan.net/trd1211/t451211.html]

Netzquelle für diesen Text

https://soziologieheute.wordpress.com/2012/10/02/eric-j-hobwsbawm-1917-2012/

 

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Harriet Martineau (1802-1876)

Die Anfänge der Soziologie sind weiblich, auch wenn Lehrbücher eine androzentrische Theoriegeschichte der Soziologie entwerfen. Dies bedeutet, dass die Ursprünge der Soziologie auf eine längere Tradition zurückzuführen sind als bisher in der Soziologie selbst wahrgenommen und vermittelt wurde.

Harriet Martineau (1802-1876, geb. in Norwich/England) ist die erste Soziologin (Rossi 1973), Gründungsmutter der Soziologie und Pionierin der empirischen Sozialforschung. Im deutschsprachigen Raum ist ihre besondere Rolle für die frühe Soziologie jedoch vollständig ignoriert worden.

Bereits im Jahr 1838 hat Martineau auf die Notwendigkeit einer eigenständigen Wissenschaft der Gesellschaft hingewiesen. Sie bezeichnete diese neue Wissenschaft als „science of society“ bzw. „science of Morals“ (Martineau 2002 [1838]: 15) und forderte selbstbewusst ihre Identität und Anerkennung als Fachdisziplin.
 
„Every man seems to imagine that he can understand men at a glance; he supposes that it is enough to be among them to know what they are doing; he thinks that eyes, ears, and memory are enough for morals, though it would not qualify him for botanical and statistical observation. (…) The observer of Men and Manners stands as much in need of intellectual preparation as any other student” (Martineau 2002 [1838]: 13f.).

Die wichtigsten Werke für die Soziologie sind „How to observe Morals and Manners“ (1838) und“ Society in America“ (1837) – in der deutschen Übersetzung „Die Gesellschaft und das Sociale Leben in America“ (1838). Martineau verfasste weitere Studien zur Soziologie der Arbeit und des Berufs (Hoecker-Drysdale 2003a,b), Krankheit und Politischen Ökonomie (für eine vollständige Übersicht vgl. Hill/Hoecker-Drysdale 2003). Darüber hinaus arbeitete sie als Übersetzerin und Schriftstellerin.

Mehr über Harriet Martineau erfahren Sie im Beitrag von Nina R. Jakoby in: soziologie heute, Heft 15, Februar 2011.

Ulrich Beck (geb. 1944)

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Die Welt ist eine Weltrisikogesellschaft geworden. Beck prägte zahlreiche Begriffe wie z. B. Risikogesellschaft, Fahrstuhleffekt und soziologischer Kosmopolitismus, Individualisierung, Deinstitutionalisierung, Enttraditionalisierung, Pluralisierung, Zweite Moderne, Globalismus, Globalität, Brasilianisierung sowie Transnationalstaat. Er tritt für ein Grundeinkommen aufgrund einheitlicher wirtschaftlicher und sozialer Standards auf europäischer Ebene ein.

 

 

Anthony Giddens (geb. 1938)

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In seiner Strukturationstheorie versucht er einen Mittelweg zwischen Positionen, die den Fokus auf soziale Systeme oder auf das Individuum richten, zu beschreiten. Nach Giddens stehen individuelle Handlungen und soziale Strukturen in einer engen Beziehung zueinander. Aus individuellen Verhaltensweisen können Rückschlüsse auf soziale Systeme gezogen werden. Mit seinem sogenannten „dritten Weg“ will Giddens die positiven Aspekte von liberalem Kapitalismus und Sozialismus vereinen.

Amitai Etzioni (geb. 1929)

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Etzioni tritt für die gesellschaftliche Selbstregulierung von unten her (societal guidance) durch die Aktiven und ihr engagiertes selbstbestimmtes Handeln in der Gesellschaft ein. Sein Ziel ist eine gesteigerte Responsivität der Gesellschaft gegenüber ihren Mitgliedern und deren Bedürfnissen. Als größte Gefahr sieht er Entfremdung und Inauthentizität durch Industrialisierung, Bürokratisierung, Rationalität und Manipulation.

Pierre Bourdieu (1930-2002)

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Bourdieu entwickelt seine Theoriebegriffe unter Einbeziehung der Erfahrungen von Individuen. Die Leitbegriffe wie Habitus, sozialer Raum, soziales Feld, Kapital und Klasse entwickelt er weiter zu einer empirischen soziologischen Theorie, welche als „Theorie der Praxis“ bezeichnet wird. In „Die feinen Unterschiede“ prägt er den Begriff Distinktionsgewinn für die Durchsetzung eines neuen vorherrschenden Geschmacks und Lebensstils als Mittel im Kampf um gesellschaftliche Positionen.

Erving Goffman (1922-1982)

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Interaktion ist nach Goffman eine „wechselseitige Handlungsbeeinflussung, die Individuen aufeinander ausüben, wenn sie füreinander anwesend sind“. In Interaktionen versucht man, ein gewisses Bild von sich zu vermitteln – im Wissen, dass man beobachtet wird. Goffman schließt daraus, dass alle Menschen prinzipiell immer Theater spielen und sich eine Fassade schaffen.

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