soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

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Februarausgabe 2022

Werte Leserin, werter Leser,
diese Mal erwartet Sie eine Fülle an Studien und Berichten aus dem vielfältigen Repertoire der Soziologie. Natürlich haben wir uns auch nicht gescheut, etwas über den Tellerrand unserer Disziplin hinaus zu schauen, denn das sind wir dem Auftrag unserer Zeitschrift soziologie heute und Ihnen, geschätzte Leser/innen, schuldig.


Carsten Stark und seine Student*innen präsentieren dieses Mal wieder eine interessante Studie, welche dazu verlockt, sich selbst in eine der vier (Ideal)Typen einzuordnen. Sven Papcke begibt sich auf die historische Spurensuche der Gewaltfrage in unserer Gesellschaft, Francisco M. da Rocha wendet in dieser Ausgabe seinen Blick in Richtung Osten – zum aktuellen Brennpunkt der europäischen Sicherheitspolitik – und Alfred Rammer widmet sich dem wohl bedeutendsten chinesischen Philosophen und Soziologen der Gegenwart, Zhao Tingyang.


Nach wie vor prägt Covid 19 unser gesellschaftliches Zusammenleben – manche sprechen derzeit von einem Auseinanderdriften unserer Gesellschaft. Auch wenn so manche Anzeichen darauf hindeuten, dass unsere Gesellschaft sich mehr und mehr spaltet, so wollen wir uns doch auf Gemeinsamkeiten konzentrieren. Es sind ja letztlich diese (kleinen) Gemeinsamkeiten, die uns zusammenschmieden, die den „Kitt“ unserer Gesellschaft ausmachen und die uns in der Vergangenheit immer wieder vorwärts gebracht haben.


So sind es auch dieses Mal – in Ergänzung zu o.a. Beiträgen – viele unterschiedliche Artikel, mit denen wir Ihr Interesse wecken möchten. Wie gewohnt haben wir bei den Beiträgen die jeweiligen Kontaktadressen angefügt für den Fall, dass Sie in die entsprechende Materie noch tiefer eintauchen möchten.

Die Redaktion der soziologie heute garantiert Ihnen jedenfalls viele interessante Lesestunden, freut sich über Ihr Feedback, Ihre Weiterempfehlungen und Kommentare auf den Social-Media-Kanälen facebook, twitter, pinterest, WhatsAp, instagram, LinkedIn etc., denn – wollen wir die Soziologie insgesamt stärken – dann sollten wir auch in diesen Medien auf unsere Gemeinsamkeiten hinweisen.
Wir wünschen einen guten Start ins Jahr 2022!

Ihre soziologie heute-Redaktion

Inhaltsverzeichnis Dezember 2021

Dezemberausgabe 2021

Werte Leserin, werter Leser,


in einer weiteren Welle – und in manchen Ländern mit größerer Wucht – hat die Corona-Pandemie Europa überschwemmt. Die Fronten zwischen Impfbefürwortern und -gegnern verhärten sich, ja mancherorts wird von einer gespaltenen Gesellschaft gesprochen und politische Entscheidungen hinsichtlich ihres Demokratiegehalts hinterfragt. Doch mit diesen Herausforderungen ist es nicht genug; der Digitalisierungsschub setzt nicht nur der Wirtschaft und Politik gehörig zu, sondern stellt auch Freiwilligenorganisationen aller Größenordnungen vor neue Aufgaben. Die Dezember-Ausgabe von soziologie heute widmet sich einigen dieser Themen.


Hans Högl wendet den Blick zurück in das alte Griechenland und gibt einen Einblick in Athens antike Demokratie. Dem Thema Konflikte widmet Andreas Bleeck seinen Beitrag. Konflikte gibt es in allen Größenordnungen, in allen Gesellschaftsschichten, in allen Familien, an allen Arbeitsplätzen, in der Ehe, im Freundeskreis und bald wohl auch im Kosmos. Das den Konflikten auf den ersten Blick negativ Anhaftende erweist sich jedoch oft als Motor persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Apropos Konflikte: Florian Klebs berichtet von einer repräsentativen Online-Befragung der Universität Hohenheim, wonach nur rund zwölf Prozent der Befragten Verständnis für sogenannte Querdenker zeigen. In diesen Zusammenhang passt auch ganz gut der von Alfred Rammer besprochene José Ortega y Gasset, für den das Gesellschaftliche immer Zwang, Anordnung und damit Herrschaft ist. Nach Ortega ist die sogenannte „Gesellschaft“ immer auch Ungeselligkeit und gegenseitige Abstoßung der Individuen. Nicht zuletzt mit den zahlreich aufgetauchten Fake-News in der Corona-Zeit stehen Influencer im Zentrum des Interesses. Carsten Stark, Sophie Dülfer, Kathrin Brigl, Nicole Emrich und Celina Wifling präsentieren das Ergebnis einer qualitativen Studie zum Thema „Influencer: Professionalisierung einer Modeerscheinung?“ und identifizieren dabei vier Idealtypen. Dem hochaktuellen, doch leider noch zu wenig erforschten Bereich der Digitalisierung beim zivilgesellschaftlichen Engagement, insbesondere unter dem Druck der Pandemie, wendet sich Claudia Pass in ihrem Beitrag zu. Hermann Strasser erzählt in seiner kleinen Lebensbeichte, was er eigentlich am meisten verabscheut und bringt dafür zahlreiche, eindrückliche Beispiele.

In Zeiten des Lockdowns gibt es allerdings auch erfreulichere Berichte. Seit einigen Jahren erlebt das Dirndlkleid ein zunehmendes Interesse, sei es bei den Volkskundlern, den Trachtenforschern, den Modehistorikern, aber ebenso auch bei Modedesignern, bei Bekleidungsproduzenten und vor allem bei Frauen. Volker Wackerfuß meldet sich dabei mit seinen modesoziologischen Bemerkungen zu Wort.
Neben weiteren Kurzbeiträgen aus der neueren Forschung gibt es auch dieses Mal wieder das beliebte von Claudia Pass erstellte soziologie heute-Kreuzworträtsel, zu dessen erfolgreichen Auflösung wir Ihnen natürlich fest die Daumen halten.


Das Redaktionsteam der soziologie heute wünscht Ihnen eine gesunde und erholsame Weihnachtszeit und – entsprechend dem Sinn des bevorstehenden Festes der Christenheit – Tage der Nächstenliebe und des Friedens.

Dr. Bernhard Hofer / Dr. Claudia Pass / Dr. Alfred Rammer

Oktoberausgabe 2021

In der zweiten Oktoberwoche erscheint die aktuelle Ausgabe von soziologie heute. Spannende und aktuelle Themen erwarten Sie.

Oktoberausgabe 2021

Werte Leserin, werter Leser,

die Oktober-Ausgabe von soziologie heute zeigt die Vielfalt soziologischer Themen. Zahlreiche gegenwärtige Herausforderungen wie zum Beispiel Klimawandel, Digitalisierung und Corona erfordern multidisziplinäre Lösungsansätze, weshalb Guido Tolksdorf auf die Bedeutung soziologischen Wissens hinweist und für eine „pragmatische Soziologie“ plädiert.

Francisco Matias da Rocha skizziert angesichts der immer offensichtlicher werdenden Klimakrise die Umweltpolitik der Biden-Administration und bringt seine Hoffnung auf eine friedvolle Wende im Sinne der nächsten Generationen zum Ausdruck.

Ruth Wilma Albrecht beschäftigt sich eingehend mit den Entwicklungen der Biotech-Technologie und zeichnet am Beispiel der Corona-Impfstoffe den wissenschaftlich-technischen Transformationsprozess im Staatsmonopolistischen Kapitalismus (STAMOKAP) nach. Olga Grünwald und Marleen Damman gehen der Frage nach, wie ältere berufstätige Personen die Erbringung häuslicher Pflegeleistungen im Alltag erleben. Dana Jarczyk und Thomas Altenhöner widmen sich in ihrem Beitrag den Zusammenhang zwischen Digitalisierungsprozessen an Schulen und dem Stresserleben von Lehrkräften.

Während Sven Papcke angesichts der Cancel-Culture und der „Querdenker“-Aufmärsche die Frage stellt, ob Zivilisierung nötig sei, sieht Gerhard Schwartz in seinem Artikel Parallelen zwischen der demokratisch-liberalistischen Medien- und Massengesellschaft und einem Casino.

Alfred Rammer widmet sich der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler, deren Arbeiten sich durch Feminismus, Diskurs- und politische Theorien charakterisieren lassen. Richard Albrecht setzt sich mit dem Verlust von Primärerfahrungen im gesellschaftlichen Wandel und den Folgen auseinander, Bernhard Martin wiederum zeichnet den Umgang der Massenmedien mit den sogenannten „Verschwörungstheorien“ nach.

Neben Kurzbeiträgen aus der Forschung zu durch Armut verursachten psychischen Belastungen und Religiosität, zur Wahrnehmung von geflüchteten Personen, zur Bedeutung emotionaler Botschaften in Schlagzeilen und zum sogenannten Anstrengungs-Paradox gibt es wieder ein soziologie heute Kreuzworträtsel.

Wir wünschen Ihnen einen guten Start in den Herbst und viel Vergnügen beim Lesen!

Die Redaktion von soziologie heute

Inhaltsverzeichnis Oktober 2021

Inhaltsverzeichnis August 2021

Augustausgabe 2021

Werte Leserin, werter Leser,

die August-Ausgabe von soziologie heute widmet sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Folgen wahrgenommener gesellschaftlicher Veränderungen.

Seit Beginn der Corona-Krise fühlen und erleben viele Bürgerinnen und Bürger eine Gefährdung demokratischer Prinzipien. Rudolf Kratochvilla begibt sich deshalb auf eine historische Reise zur Ideengeschichte von Demokratie; Erfolge und Rückschläge dieser Herrschaftsform werden ebenfalls behandelt. Gegenwärtig werden auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse breit diskutiert, weshalb sich Guido Tolksdorf mit der „großen Transformation“ und ihren vermeintlichen Hintergründen beschäftigt. Mit den Fragen, wie eine Verständigung zwischen Individuen bei zunehmender gesellschaftlicher Komplexität und kultureller Variation möglich sei und welche Auswirkungen dies auf die Rechtfertigung politischer Entscheidungen habe, setzt sich Bernhard Martin auseinander. Richard Albrecht wiederum befasst sich in seinem Artikel mit den gesellschaftlichen Tugenden des Nonkonformismus unter Bezugnahme auf einen Text von Lewis Coser.

Zusammenfassend zu den drei bisher erschienenen Beiträgen erläutert Andreas Bleeck die von ihm entwickelte Wertematrix. Alfred Rammer widmet sich dem deutschen Philosophen Markus Gabriel, welcher als bekanntester Vertreter des „Neuen Realismus“ gilt. Lesen, Schreiben und Rechnen zählen zu den zentralen Kulturtechniken der Menschheit, Hans Zauner gibt uns Einblicke ins sein persönliches Abenteuer Lesen.

In dieser Ausgabe setzen sich die Forschungsbeiträge auch mit kognitiven Verzerrungen im Alltag, den Folgen von Fehlinformationen und einer etwaigen Anfälligkeit für Corona-Mythen auseinander. Angesichts der noch währenden Bekanntheit von Lady Diana stellt Hermann Strasser Überlegungen zur gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Prominenz und diesesm Mythos an.

Wir wünschen Ihnen einen entspannten Sommer und viele anregende Lesestunden!

Stefan BÖCKLER

Stefan Böckler
Vermintes Gelände
Eine Streitschrift gegen den Mainstream der deutschen Integrationsdebatte
Dogmen, Paradoxien und Fehlschlüsse im aktuellen Integrationsdiskurs

ibidem Verlag, Stuttgart 2021
124 Seiten, Paperback
ISBN: 9783838215273
Preis: 19,90 EURAuch als E-Book erhältlich!

Streitschrift gegen den Mainstream der deutschen Integrationsdebatte
Buchbesprechung
(In: soziologie heute, Juni 2021, S. 46)

Mit Fragen der Integration von Einwanderern und deren Nachkommen beschäftigt sich der Autor wissenschaftlich seit Jahren, und immer wieder stößt er dabei auf ein Hindernis, an dessen Überwindung er ihm zufolge stets aufs Neue unnötiger Weise scheitert, was ihm letztlich Anlass ist, den vorliegenden Essay zu verfassen, in dem er schildert, wie er immer wieder vergeblich versucht, gegen den “Mainstreamintegrationsdiskurs” anzugehen. Die Entscheidung für diese literarische Form ermöglicht ihm, auf wissenschaftliche Stringenz und lückenlose Überprüfbarkeit zu verzichten, was für den Leser anderseits auch bedeuten soll, die vorgebrachten Thesen und persönlichen Eindrücke mit Interesse, aber auch mit Vorsicht und Zurückhaltung aufzunehmen.

Den Autor bewegen vor allem die ihn frustrierenden Erfahrungen, die er als eine Art “Ombudsmann für interkulturelle Angelegenheiten” für eine nordrhein-westfälische Großstadt machte. Trotz allgemeiner Akzeptanz des Einflusses ethnisch-kultureller Eigenheiten auf die Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft werden, so stellt er enttäuscht fest, eben diese bei der Erörterung der Ursachen von Problemen regelmäßig übergangen. Er ortet wohl eine Art “Schere im Kopf” in der deutschen Forschergemeinde, die es verunmögliche, ethnisch-kulturelle Faktoren in der Integrationsthematik gebührend zu gewichten. Ginge es früher in Deutschland vornehmlich und einseitig um die Entwicklung von Assimilierungsstrategien, so widmete man seit der Jahrtausendwende das Augenmerk hauptsächlich auf Verhaltensweisen und Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung. Grundsätzlich würden nun Mehrheiten in die Täter-, Minderheiten in die Opferrolle gedrängt, wobei, neben strukturellen Merkmalen der Mehrheits-Minderheitsbeziehung überhaupt, eine nur für die deutsche Gesellschaft typische Opfer-Täter-Semantik zur Geltung käme. Infolgedessen musste Böckler bei seiner eigenen Arbeit gegen seine Überzeugung die Herausforderungen der Neuzuwanderung als von den Kommunen “hausgemacht” erachten.

Auch würden, so der Autor, empirische Forschungsergebnisse zu Fragen nach Kriminalitätsraten oder der Armutszuwanderung entweder so umgedeutet, dass sie jegliches Beunruhigungspotenzial verlören oder überhaupt übergangen.

Mit Ausführungen zu den Begriffen “Rassismus” und “Vorurteil” bemüht sich Böckler, im Laufe der Zeit verschobene Begrifflichkeiten zurechtzurücken und sie in ihren “eigentlichen” Rahmen zu stellen, um sie dem hermeneutischen Horizont des gewählten Problemzusammenhangs dienstbar zu machen. Dies unterfüttert die “ideologiekritische” Absicht des Autors, logisch unstimmige Argumentationsmuster und unkorrekten Umgang mit empirischen Daten im gegenwärtigen Integrationsdiskurs sowie das hinter diesen Fehlleistungen stehende festgefügte Bild des Zusammenlebens von Gruppen mit unterschiedlicher ethnisch-kultureller Herkunft in Deutschland auszumachen.

Die beruflichen Erfahrungen des Autors legen es nahe, die von ihm gebotenen Einsichten in den deutschen Integrationsdiskurs ernst zu nehmen, und das Dargelegte lässt einen erahnen, dass dort einiges schief läuft. Anderseits sind persönliche Eindrücke selbstverständlich nicht hinreichend, um Allgemeinaussagen zu treffen. Böcklers Erörterung des Verhältnisses von Mehrheits- und Minderheitsgruppen mag den Leser dazu verleiten, ein schlichtes “das wird man ja noch sagen dürfen” zu denken – und spätestens dann sollte man einen (geistigen) Schritt zurück setzen, um aus größerer Entfernung und ermöglichtem weiteren Blick das ganze Themengebiet kritisch zu betrachten.

Alfred Rammer

Replik des Autors

Auf eine Rezension zu antworten, ist eher unüblich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung; das letzte Wort verbleibt im Regelfall beim Rezensenten. Da es sich bei meinem Text um eine ‚Streitschrift‘ handelt, er damit ein weitergehendes Ziel der Auseinandersetzung als ein ‚normaler‘ wissenschaftlicher Beitrag verfolgt, ist in diesem Fall aber möglicherweise eine höhere Dosis an ‚Dialektik‘ angebracht.

Zunächst möchte ich der Redaktion der ‚Soziologie heute‘ herzlich für die Aufmerksamkeit danken, die sie meinem Text an so prominenter Stelle gewidmet hat. Danken möchte ich auch dem Rezensenten dafür, dass er die zentralen inhaltlichen, methodischen und ideologiekritischen Anliegen des Textes aus meiner Sicht angemessen vorgestellt hat.

Anlass zu einer Replik geben aber dessen ungeachtet zwei seiner Bewertungen, die den Text m. E. nicht korrekt verorten (und einen gewissen Zusammenhang aufweisen): die erste bezieht sich auf seinen sachlichen Geltungsanspruch, die zweite enthält eine wenn auch vorsichtig-hypothetische Verortung des Textes im politisch-diskursiven Umfeld.

In ersterer Hinsicht stellt der Rezensent aus meiner Sicht den subjektiv-persönlichen Charakter des Textes vereinseitigend in den Vordergrund und relativiert damit seinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Nun ist es tatsächlich so, dass für mich der Bezug auf meine persönlichen Forschungserfahrungen motivierend und leitend war für die Verfassung des Textes. Diese sollten demnach, wie in der Einleitung beschrieben, seinen ‚Ausgangspunkt‘ und sein ‚Rückgrat‘ darstellen. Allerdings ist im Allgemeinen der ‚Ausgangspunkt‘ eben nur der Beginn eines Weges und keineswegs sein Ganzes; und unbezweifelbar besitzen ‚Wirbeltiere‘ neben ihrem Rückgrat auch noch andere Körperteile. Dies gilt auch für meinen Text: Er besteht zu mehr als der Hälfte aus definitorischen, theoretischen und methodischen Überlegungen (und durchaus auch vereinzelten empirischen Befunden) zur Integrationsfrage, die gänzlich unabhängig von den beschriebenen persönlichen Forschungserfahrungen allgemeine Geltung beanspruchen. Dieser allgemeine Geltungsanspruch wird dabei durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat und eine 13-seitige Bibliographie unterstrichen, die diese Teile am aktuellen Stand der wissenschaftlichen Debatte absichert.

Allein diese umfangreiche argumentative Einbettung und Verarbeitung persönlicher Forschungserfahrungen spricht schon dafür, dass das vom Rezensenten angedeutete Risiko, der Text könne den „Leser … zu einem schlichten ‚das wird man ja noch sagen dürfen`, verleiten“, kaum bestehen kann – zumindest wenn der Leser sich nicht einer groben Nicht-Wahrnehmung und Instrumentalisierung seiner Inhalte schuldig machen möchte. Tatsächlich hat der Text selbst in Bezug auf solche und ähnliche Interpretationen (im Rahmen einer Kritik an political correctness und cancel culture) bewusst ‚abgerüstet‘: Er enthält in dieser Hinsicht nicht mehr als die Behauptung, dass sich gegenwärtig ein hegemonialer Diskurs in der Integrationsdebatte herausbildet, der naturgemäß untergeordneten, abweichenden Diskursen geringeren Raum einräumt. Von der Ignoranz gegenüber solchen Diskursen ist dabei zwar umfangreich die Rede, von ihrer Unterdrückung und Sanktionierung aber  an keinem Punkt.

Inzwischen (d.h. seit der ursprünglichen Verfassung des Textes) und durch die persönlichen Erfahrungen des Autors im Nachgang seiner Fertigstellung hat sich die Situation allerdings verändert und kompliziert. Keineswegs wird die besagte schlichte Sicht der Dinge nur noch von Personen vertreten, die mit ihr eine (nicht existierende) Einschränkung der Meinungsfreiheit zum Ausdruck bringen möchten, um dann nicht selten Meinungen von sich zu geben, die man so tatsächlich ‚nicht sagen darf‘ (wie z. B. die Leugnung oder Verharmlosung des Holocausts, Beleidigungen gegenüber Personen und Gruppen) Vielmehr ist aktuell auch in der deutschen Wissenschaft und Öffentlichkeit eine intensive Debatte über tatsächlich existierende Formen, systematisch Druck auf abweichende Meinungen auszuüben, entbrannt; zum anderen habe ich selbst im Zuge der Veröffentlichung des Textes Erfahrungen gemacht, die entsprechende Befürchtungen stützen: Der renommierte deutsche Wissenschaftsverlag, der sich zunächst vertraglich zur Veröffentlichung des Textes verpflichtet hatte, hat bei Vorliegen der endgültigen Fassung des Textes seine Veröffentlichung verweigert, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass „angesichts des hohen Aufmerksamkeitsgrades, den gerade solche Publikationen auslösen, dem Verlag ein hoher wirtschaftlicher und Imageschaden entstehen kann“ (Originalton des zuständigen Lektors).

Offensichtlich hat sich der Verlag hier also durch den zu erwartenden ‚Gegenwind‘ von der Veröffentlichung eines Textes, der dem aktuellen Mainstream der Debatte widerspricht, abhalten lassen und diesen Druck auf die Meinungsfreiheit an den Autor weiter gegeben. Durch das Engagement eines anderen Verlags ist der Text dann glücklicherweise aber nicht aus der öffentlichen Debatte ‚gecancelt‘ worden. M. E. hätte der Rezensent, wenn er dann schon die genannte ‚politisch-diskursive Verortung‘ des Textes vorgenommen hat, auch dieser Problematik ein paar Zeilen widmen sollen (und dafür auch das Nachwort des Textes, das sich ihr – zugegebenerweise aus einer Einzelfallperspektive – widmet, erwähnen sollen).

Stefan Böckler

Inhaltsverzeichnis Juni 2021

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