soziologie heute

Fachmagazin für Soziologie

Diether Döring/Eduard J.M. Kroker (Hrsg.)

Diether Döring, Eduard J. M. Kroker (Hrsg.)

BILDUNG UND GESELLSCHAFT

Reihe Königsteiner Forum

Societäts-Verlag 2011

ISBN: 978-3-942921-21-3

Es gibt wohl kaum ein Thema, das sich in den letzten Jahren eines so starken Interesses erfreute, wie die Bildung. Der Vorsitzende des Königsteiner Forums und Herausgeber des im Societäts-Verlag erschienenen Sammelbandes Bildung und Gesellschaft führt als Grund sowohl pragmatische als auch sozialpolitische Gründe an. Internationale volkswirtschaftliche Vergleiche zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg mit energischer Investition in Bildung und Weiterbildung Hand in Hand geht. Beschleunigter Wandel zwingt dabei laufend zu neuen Qualifikationsstrategien. Der Rückgang der Erwerbsbevölkerung und das Faktum der neuen gesteuerten Zuwanderung erfordern stärkere Anstrengungen der sprachlichen, beruflichen und kulturellen Integration der Zuwanderer. Neben pragmatischen und sozialpolitischen  Zwecken wird jedoch, so Döring, oftmals der übergreifende Wert von Wissen und Bildung übersehen.

Acht Autorinnen und Autoren kommen in diesem Band zu Wort und nähern sich der Thematik aus verschiedensten Richtungen an.

Michael Winterhoff widmet seinen Beitrag dem Konzept „Kind“ und tritt für eine Rückkehr zu intuitiven Erziehungsmethoden ein. Winterhoff prangert die „Unkultur des Drucks auf die Eltern“ an, welche dazu geführt hat, dass sich „normal handelnde Eltern … ihrer Sache immer ungewisser werden und in eine kaum zu bewältigende Rechtfertigungssituation geraten.“ (S. 17) Im Konzept „Das Kind als Partner“, welches heute von zahlreichen Strömungen der Erziehungswissenschaft und Pädagogik als positive Errungenschaft verkauft wird, sieht er die Gefahr, dass der einstige elterliche Schutzraum für Kinder verloren geht, da der Partnerschaftsgedanke  oftmals zu einem Zeitpunkt ansetzt, an dem das Kind von seiner psychischen Entwicklung noch gar nicht in der Lage ist, damit umzugehen.  Winterhoff fordert ein Druchbrechen der Ideologie von Kindern als Partner. Erwachsene müssen „erkennen, dass sie Kinder auf eine unangemessene Art und Weise behandeln, indem sie sie als Anerkennungslieferanten mißbrauchen.“ (S.61)

Auch Bernhard Bueb spricht mit Verweis auf Neil Postman vom Verschwinden des kindlichen Schutzraumes. Der vorherrschenden „Belehrungsschule“ hält Bueb entgegen, dass Bildung „immer die Einheit von akademischer Bildung und Charakterbildung“ bedeuten sollte. Als vornehmstes Ziel von Bildung und Erziehung sieht er die Aufgabe, „Kinder und Jugendliche so in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken, dass sie  selbständig ihren Weg ins Leben finden können und dass sie lernen, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.“ (S.70) Es bedarf eines Bekenntnisses zu einer Führungskultur. Im Blick auf den Reformbedarf der schulischen Ausbildung schlägt Bueb vor, „die Person der Lehrer, ihr Selbstverständnis, ihre Aus- und Fortbildung und ihre Arbeitsbedingungen in den Mittelpunkt aller Reformen zu rücken.“ Nicht die „Strukturen“, sondern die „Personen, die die Strukturen mit Leben füllen sollen, müssen sich ändern.“(S. 83)

Heike Schmoll nähert sich dem Thema Bildung in ihrem Beitrag „Protestantische Mündigkeit und Humanismus“ von historischer Seite und kritisiert in Anlehnung an die Entwicklung des Wortes Schule (lat. schola, griech. scholé = Muße), dass die heutigen Schüler vom einstig als richtig erkannten „Innehalten in der Arbeit“ nichts mehr erfahren. Mit den Worten Nietzsches wird die Schule somit „zu einem Ort der Lebensnot“ (S. 110).

In der folgenden Beiträgen kommen Michael Hartmann (Wie wäre mehr Chancengleichheit in der Bildung herzustellen?), Jutta Allmendinger (Soziologische Bildungsforschung), Rudolf Steinberg (Die Universität zwischen Staat und Gesellschaft – das Beispiel in der Stiftungsuniversität Frankfurt), Rüdiger Görner (Perspektiven der Hochschulpolitik in Deutschland) und Vera Reiß (Bildung – die Antwort auf die soziale Frage des 21. Jahrhunderts) zu Wort.

Angesichts der andauernden Bildungsdebatte und den zahlreichen „Bildungsexperimenten“ ist dieser Sammelband – sozusagen als (erkenntniserweiternde) Basislektüre – allen Beteiligten (BildungspolitikerInnen, PädagogInnen, Eltern etc.) wärmstens zu empfehlen.

Besprechung von Bernhard J. Hofer

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